
ASTRYA
DAS ERWACHEN DER STERNE
Die Geschichte
Inhaltsverzeichnis
Astrya: Das Erwachen der Sterne
Prolog: Der Sternfall
Die Nacht über Mondbach verändert alles
Kapitel 1: Mondbach
Aurora und die Geheimnisse ihres Dorfes
Kapitel 2: Das Flüstern der Sterne
Erste Begegnung mit der Netheryn
Kapitel 3: Der Ruf des Waldes
Ein unbedachter Moment und seine Folgen
Kapitel 4: Eldrics Lehren
Der Beginn einer ungewöhnlichen Ausbildung
Kapitel 5: Der Sternensee
Visionen einer vergessenen Vergangenheit
Kapitel 6: Schatten der Vergangenheit
Die Wahrheit über Auroras Vater
Kapitel 7: Rückkehr nach Mondbach
Konfrontation mit der eigenen Geschichte
Kapitel 8: Die Nacht der Sterne
Der Angriff und das erste Opfer
Kapitel 9: Morgengrauen
Eine Entscheidung für die Zukunft
Epilog: Echos der Zukunft
Was im Verborgenen wartet
PROLOG
DER STERNFALL
Die Nacht über Mondbach war keine gewöhnliche Nacht – sie war eine, die sich in die Knochen fraß, die sich in die Seele brannte, eine Nacht, die niemand im Dorf je vergessen würde, auch wenn sie es damals nicht wussten. Der Himmel hing tief und schwer über den strohgedeckten Dächern, als hätte er ein Geheimnis, das er nicht länger tragen konnte, ein Gewicht, das die Sterne selbst zu spüren schienen.
Die Luft war still, kein Windhauch bewegte die Blätter der alten Eichen, die den Hügelrand säumten wie Wächter aus einer anderen Zeit, ihre knorrigen Äste in die Dunkelheit gereckt. Die üblichen Geräusche des Dorfes – das Zirpen der Grillen, das Rascheln kleiner Tiere im Unterholz, das ferne Knarren eines Fensterladens – waren verstummt, als hätten sie den Atem angehalten. Es war eine Stille, die nicht beruhigte, sondern warnte, eine Stille, die wie ein Vorhang über etwas Großes gelegt war, etwas, das darauf wartete, enthüllt zu werden.
Über den Hügeln leuchteten die Sterne klarer als je zuvor, wie Splitter aus kaltem Feuer, eingebettet in eine Dunkelheit, die tiefer war, als Alaric sie je gesehen hatte. Er stand allein auf der Hügelkuppe, die Hände leer, die Augen zum Himmel gerichtet, und spürte eine Unruhe, die er nicht benennen konnte. Es war keine Angst, nicht genau – eher ein Gefühl, als würde die Nacht selbst auf ihn zukommen, als würde sie ihn rufen.
Seit Wochen hatte ihn diese Spannung gequält, ein Drang, der ihn nachts wach hielt, seine Gedanken in ziellosen Kreisen trieb wie Blätter im Wind, die keinen Ort fanden, an dem sie zur Ruhe kommen konnten. Es hatte mit dem Buch begonnen – einem alten, ledergebundenen Relikt, das er als Kind im Dachboden seines Elternhauses entdeckt hatte, versteckt zwischen verstaubten Kisten und zerbrochenen Tontöpfen, die niemand mehr brauchte.
Damals war er kaum groß genug gewesen, um die knarrende Leiter allein zu erklimmen, doch die Neugier hatte ihn getrieben, seine kleinen Hände hatten die staubigen Bretter beiseitegeschoben, bis er es fand. Das Leder war abgewetzt, die Kanten brüchig, als hätte es Jahrhunderte überdauert, und die Seiten darin waren gefüllt mit Zeichen, die er nicht verstand – verschlungene Linien, die an die Äste eines Baumes erinnerten, und Worte in einer Sprache, die älter war als die Geschichten, die seine Großmutter ihm einst erzählt hatte.
Seine Mutter hatte ihn damals erwischt, ihre Stimme war scharf gewesen, zitternd vor etwas, das er damals nicht greifen konnte: „Fass es nicht an, es ist nicht für dich.“ Ihre Hände hatten seine Finger hastig vom Einband gelöst, ihre Augen hatten geflackert – Angst, dachte er später, als er älter wurde, oder vielleicht etwas Tieferes, etwas, das sie selbst nicht verstand. Sie hatte das Buch zurück in die Dunkelheit des Dachbodens gelegt, hinter eine Kiste geschoben, und ihn mit einer Strenge fortgeschickt, die er von ihr nicht gewohnt war.
Jahrelang hatte er es ignoriert, die Erinnerung daran war verblasst wie ein Traum, den man am Morgen nur noch halb sieht, doch in den letzten Tagen war sie zurückgekehrt, klarer und drängender als je zuvor. Es war, als würde etwas auf ihn warten, als würde es ihn rufen, ein Flüstern, das durch die Nächte zog und ihn nicht losließ.
Er hatte versucht, es zu ignorieren, hatte sich in die Arbeit gestürzt – Holz hacken, die Netze für den Fischfang flicken, die kleinen Dinge, die das Leben in Mondbach ausmachten –, doch jede Nacht war er wieder wach gelegen, die Augen auf die Balken der Decke gerichtet, während seine Hände nach etwas griffen, das nicht da war.
Heute Nacht hatte er es nicht mehr ausgehalten. Der Himmel hatte ihn hinausgezogen, die Sterne hatten ihn gerufen, und er war die knarrende Leiter hinaufgestiegen, jede Stufe ächzte unter seinem Gewicht wie ein Protest gegen das, was kommen würde. Der Dachboden war eine Welt aus Schatten und Staub, die Luft schwer von altem Holz und Vergessen.
Seine Hände hatten die verstaubte Decke beiseitegeschoben, die über den Brettern lag wie ein Leichentuch, und da lag es – das Buch. Es wirkte unscheinbar, fast verloren zwischen den Überresten vergangener Jahre, die Kisten voller zerbrochener Töpfe und mottenzerfressener Stoffe, die niemand je wieder angerührt hatte. Doch als seine Finger es berührten, fühlte er eine Wärme, die nicht von dieser Welt war. Sie sickerte durch seine Haut, pulsierte in seinen Adern, eine Wärme, die lebendig war, die ihn rief, die ihn nicht losließ.
Er hatte es an sich genommen, ohne zu zögern, ohne nachzudenken, die Leiter wieder hinabgestiegen, die Stufen knarrten lauter als zuvor, als wollten sie ihn warnen, und war hinausgetreten auf die Hügelkuppe, wo die Nacht ihn empfing wie ein Gast, den sie erwartet hatte.
Der Sternschnuppenschauer begann in diesem Augenblick, als hätte der Himmel nur auf ihn gewartet, als hätte er den Moment genau berechnet. Ein einzelner Stern zog eine leuchtende Spur über das Firmament, ein Streifen aus Licht, der die Dunkelheit durchschnitt wie ein Messer, gefolgt von einem zweiten, einem dritten, bis der Himmel in einem lautlosen Feuerwerk erstrahlte. Sternschnuppen, zu viele, um sie zu zählen, fielen wie Tränen eines verlorenen Gottes, und Alaric hob den Blick, das Buch fest an seine Brust gedrückt.
Die Sterne schienen ihm zuzurufen, ihre Lichtstreifen tanzten in seinen Augen, malten Muster auf seine Netzhaut, die er nicht verstand, und die Wärme des Buches pulsierte jetzt im Takt mit seinem Herzen, ein Rhythmus, der schneller wurde, je mehr Sterne fielen.
Er öffnete es mit zittrigen Fingern, die Seiten knisterten unter seiner Berührung, als würden sie auf diesen Moment gewartet haben. Das Leder war kalt, doch die Wärme kam von innen, aus den Zeichen heraus, die sich in das vergilbte Pergament gebrannt hatten – verschlungene Linien, die wie Äste eines Baumes aussahen, wie Adern, die ein Geheimnis durchströmten.
Worte in einer Sprache, die er nicht kannte, Worte, die sich in seinen Geist gruben, seit er sie vor Tagen zum ersten Mal betrachtet hatte. Er hatte sie studiert, nachts wach gelegen, die Formen im flackernden Kerzenlicht nachgezeichnet, die Schatten der Balken über ihm tanzten, während er versuchte, sie zu entziffern. Ein Wort war ihm geblieben, ein Wort, das sich in seinem Gedächtnis festgesetzt hatte wie ein Splitter unter der Haut, ein Wort, das ihn nicht losließ, das ihn rief, das in ihm brannte.
Seine Lippen zitterten, als er es sprach, kaum hörbar, als hätte er Angst, es laut auszusprechen, als wüsste ein Teil von ihm, dass es mehr war als nur ein Laut.
„Netheryn,“ flüsterte er, und der Klang löste sich von seinen Lippen, schwer wie Stein, ein Wort, das die Luft durchschnitt und die Nacht aufweckte.
Die Antwort kam sofort, als hätte der Himmel nur darauf gewartet. Ein Stern zersprang über ihm, heller als die anderen, ein grelles Licht, das die Dunkelheit zerriss wie ein Blitz, der keinen Donner brachte. Ein Funke löste sich, fiel herab wie ein Tropfen geschmolzenes Licht, ein winziger Splitter, der schneller wurde, je näher er der Erde kam.
Alaric hielt den Atem an, unfähig, sich zu bewegen, die Augen auf den Funken geheftet, der sich in Zeitlupe zu bewegen schien, obwohl er wusste, dass es nur ein Augenblick war. Er traf die Erde vor seinen Füßen, ein leises Zischen erklang, als das Gras unter der Hitze knisterte, und die Welt erzitterte.
Es war kein Beben, kein Rumpeln, das die Hütten des Dorfes hätte wecken können – es war subtiler, tiefer, ein Puls, der durch den Boden lief, durch die Hügel, durch die Eichen, ein Puls, der Alaric in den Knochen spürte.
Ein schwaches Leuchten breitete sich aus, kroch über den Boden wie ein Fluss aus Sternenstaub, ein Glühen, das die Grashalme zum Schimmern brachte, als wären sie von innen erleuchtet. Es schlängelte sich über die Erde, ein dünner Faden aus Licht, der sich seinen Weg suchte, und erreichte die alte Eiche, die auf der Hügelkuppe stand.
Der Baum war ein Relikt, so alt wie die Hügel selbst, sein Stamm von einem tiefen Riss durchzogen, als hätte ein Blitz ihn einst gespalten oder etwas Größeres ihn von innen heraus gebrochen. Die Rinde knackte leise, ein fast lebendiges Geräusch, als das Licht in den Riss sickerte, sich hineinwühlte wie Wasser in trockene Erde.
Für einen Moment schien der Baum zu atmen, seine Äste streckten sich zum Himmel, zitterten im unheimlichen Glanz, als wollten sie die fallenden Sterne umarmen, als wollten sie sie greifen und halten. Das Licht kroch höher, verzweigte sich in den Ästen, ließ die Rinde schimmern, bis der Baum wie ein Leuchtfeuer in der Nacht stand, ein Anblick, der Alaric den Atem raubte.
Er trat einen Schritt zurück, seine Hände umklammerten das Buch fester, die Wärme pulsierte jetzt stärker, als hätte sie ein Eigenleben, als wäre sie erwacht. Sein Herz schlug schnell, ein Trommeln in seiner Brust, das mit dem Zittern der Erde zu verschmelzen schien, und die fremde Wärme durchflutete ihn, breitete sich aus, bis sie jede Faser seines Körpers erfüllte.
Er wusste nicht, was er getan hatte, aber er spürte es – etwas Großes, etwas Altes, etwas, das nicht mehr schlafen würde, war erwacht.
Die Sterne über ihm fielen weiter, ein unaufhörlicher Strom aus Licht, doch sie schienen nicht mehr ziellos zu sein – sie schienen auf ihn gerichtet, als hätten sie ihn gesehen, als hätten sie ihn gehört.
Hinter einem Felsen, verborgen im Schatten eines Dornbuschs, stand ein junger Mann in einem langen Mantel. Der Wind, der nun aufkam – ein plötzliches, unruhiges Flüstern, das durch die Gräser fuhr und die Blätter der Eichen zum Rascheln brachte –, bewegte den Stoff seines Mantels leicht, und eine silberne Feder glitt aus seiner Hand. Sie fiel lautlos auf die Erde, blieb im Gras liegen wie ein stummer Zeuge, ein Zeichen, das mehr bedeutete, als Alaric ahnen konnte.
„Die Prophezeiung beginnt,“ murmelte der Mann, seine Stimme rau, getränkt von einem Wissen, das schwer auf ihm lastete, als hätte er Jahrhunderte gesehen, die noch nicht geschrieben waren, als hätte er sie gelebt. Seine Augen, dunkel wie die Tiefen eines Brunnens, folgten dem Leuchten, das sich in der Ferne verlor, ein Schimmer, der über die Hügel kroch und im Dunkel verschwand.
Er hatte diesen Moment gefürchtet, seit er die alten Schriften gelesen hatte, seit er die Warnungen in den Sternenarchiven seiner Heimatstadt gefunden hatte, einer goldenen Stadt, die längst Staub war. Er wusste, was diese Kraft war – etwas, das Welten erschaffen und zerstören konnte, ein Licht, das Schatten gebar, eine Macht, die er einst selbst entfesselt hatte, in einer Nacht, die er nie vergessen würde.
Seine Finger schlossen sich fester um den Saum seines Mantels, die Knöchel weiß vor Anspannung, als könnte er die Zeit selbst zurückhalten, als könnte er den Funken löschen, der nun brannte. Doch er wusste, dass es zu spät war – das Licht war entzündet, das Wort gesprochen, und die Räder eines Zyklus, älter als er selbst, hatten begonnen, sich zu drehen.
Er war nicht mehr der Gelehrte, der er einst gewesen war, voller Ideale und Träume von einer perfekten Welt, die die Netheryn schaffen könnte. Er war ein Wächter, ein Gefangener seiner eigenen Fehler, ein Mann, der die Narben seiner Vergangenheit trug, jede einzelne ein Stern in seiner persönlichen Dunkelheit. Die silberne Feder im Gras war alles, was von seiner Unschuld übrig war, ein letztes Zeichen dessen, was er verloren hatte, als er die Leere entfesselte.
Am Rande des Dorfes, in einer kleinen Hütte, deren Fensterläden fest gegen die Kälte geschlossen waren, saß eine Frau über ihren Chroniken. Das Licht einer einzelnen Kerze flackerte über die Pergamente, warf tanzende Schatten auf die Wände, die mit getrockneten Kräuterbündeln und alten Zeichen bedeckt waren, Runen, die sie in jahrzehntelanger Arbeit gemeistert hatte.
Ihre Hände, von feinen Runennarben gezeichnet – Spuren einer Kunst, die sie mit Blut und Zeit bezahlt hatte –, zitterten leicht, als sie den Federkiel führte.
„Der Zyklus beginnt,“ notierte sie, die Worte schwer wie Blei, jeder Strich ein Versprechen an die Geschichte, die sie bewahren musste, ein Eid, den sie vor langer Zeit geschworen hatte.
Sie hielt inne, legte den Kiel beiseite und hob den Blick zum Fenster. Ihre Finger, rau von Jahren des Schreibens, schoben den Laden einen Spalt auf, gerade weit genug, um den Himmel zu sehen, der in Flammen stand. Die Sterne fielen in einem unablässigen Strom, ein Glühen, das die Nacht erhellte, und für einen Moment glaubte sie, einen Riss zwischen ihnen zu sehen – ein dünnes Band aus Dunkelheit, das sich kurz zeigte und wieder verschwand, ein Hauch von etwas, das älter war als die Sterne selbst, älter als die Geschichten, die sie bewahrte.
Doch sie wusste, dass es kein Trugbild war. Sie hatte die alten Überlieferungen gelesen, die Warnungen der Hüterinnen vor ihr, die Erzählungen von einer Zeit, als Licht und Schatten eins waren, als die Netheryn die Welt formte und die Leere sie bedrohte. Sie hatte die Zeichen gesehen, in den Sternen, in den Träumen, die sie nächtelang wach hielten, und nun spürte sie es in ihren Knochen – ein Gefühl, das tiefer ging als Worte, ein Wissen, das sie nicht leugnen konnte: Etwas war erwacht, etwas, das lange geschlafen hatte, etwas, das die Welt verändern würde.
Die Kerze flackerte stärker, als der Wind durch den Spalt fuhr, ein kalter Hauch, der die Flamme tanzen ließ und die Schatten an den Wänden zum Leben erweckte. Sie schloss den Laden wieder, ihre Hände zitterten jetzt nicht mehr vor Schwäche, sondern vor einer Erkenntnis, die sie nicht laut aussprechen wollte. Das Pergament vor ihr lag offen, die Tinte noch feucht, und sie nahm den Federkiel wieder auf, ihre Bewegungen langsam, bedacht, als wüsste sie, dass jedes Wort zählte.
Die Sterne fielen weiter, ein stummer Chor aus Licht und Vergessen, der Mondbach in ein unwirkliches Glühen tauchte, und die Hügelkuppe war lebendig mit einem Licht, das nicht von dieser Welt war.
Alaric stand wie erstarrt, das Buch an sich gepresst, unfähig, den Blick von der Eiche zu wenden, deren Äste im Glanz zitterten. Die Wärme in seinen Händen pulsierte jetzt stärker, als hätte sie ein Eigenleben, als wäre sie Teil von ihm geworden, und die Sterne über ihm schienen nicht mehr zu fallen – sie schienen zu antworten, ein Chor aus Licht, der seinen Namen kannte.
Sein Atem stockte, als das Leuchten des Baumes intensiver wurde, die Äste sich bogen, als wollten sie den Himmel niederreißen, und er spürte einen Puls, der nicht sein eigener war – ein Puls, der durch die Erde lief, durch ihn hindurch, ein Puls, der älter war als alles, was er kannte.
Er wusste nicht, was er getan hatte, aber er spürte es – etwas Großes, etwas Altes, etwas, das nicht mehr schlafen würde.
Hinter dem Felsen ballte der junge Mann im Mantel die Fäuste, seine dunklen Augen folgten jeder Bewegung des Lichts, jeder Veränderung in der Luft, und die silberne Feder lag vergessen im Gras, ein Relikt einer Zeit, die er hinter sich gelassen hatte. Sein Atem ging flach, seine Gedanken rasten – er erinnerte sich an eine Nacht wie diese, vor Jahrhunderten, als er selbst das Licht entzündet hatte, als er dachte, er könnte die Welt retten, nur um sie zu brechen. Die Schuld lag schwer auf ihm, eine Last, die er niemals ablegen konnte, und doch war da ein Funke Hoffnung, ein Funke, der in diesem Moment geboren wurde, ein Funke, der nicht ihm gehörte.
In der Hütte legte die Frau den Federkiel nieder, ihre Hände ruhten auf dem Pergament, und sie schloss die Augen, als könnte sie das Flüstern hören, das sich nun erhob – ein Flüstern, das noch keinen Namen trug, ein Flüstern, das die Sterne kannte, das den Baum kannte, das sie kannte. Sie atmete tief ein, die Luft kalt in ihrer Lunge, und ein Gedanke formte sich in ihrem Geist, klar und unausweichlich: Es hatte begonnen.
Und irgendwo, weit jenseits des Sichtbaren, regte sich eine Präsenz – ein Schatten ohne Form, ein Flüstern ohne Stimme, ein Hauch von etwas, das älter war als die Welt selbst. Es erwachte langsam, seine Zeit war noch nicht gekommen, doch es spürte das Licht, spürte den Funken, spürte den Mann auf der Hügelkuppe, der nicht wusste, was er entfesselt hatte.
Die Nacht über Mondbach war nicht mehr still, und die Welt würde nie wieder dieselbe sein.

KAPITEL 1
MONDBACH
Die Sommerhitze lastete über Mondbach wie ein schwerer Vorhang, die Luft flimmerte über den Dächern der strohgedeckten Häuser, und selbst die Vögel hatten ihre Lieder eingestellt, zu erschöpft vom unerbittlichen Glühen der Sonne. Aurora wischte sich den Schweiß von der Stirn, während sie den Wassereimer vom Brunnen in der Dorfmitte zurück zu ihrem Haus trug. Das Wasser schwappte über den Rand, kühlte ihre nackten Füße, als sie über den staubigen Weg lief, eine willkommene Erfrischung in der drückenden Hitze des späten Nachmittags.
Das Dorf lag wie im Schlaf, die meisten Bewohner hatten sich in den Schatten ihrer Häuser zurückgezogen, warteten auf die Abkühlung des Abends. Nur der alte Schmied Gareth schlug noch auf seinen Amboss, rhythmische Schläge, die durch die Stille hallten wie das Ticken einer unsichtbaren Uhr. Aurora hielt kurz inne, um ihm zuzunicken, und er hob den Hammer zum Gruß, sein bärtiges Gesicht gerötet von der Glut seiner Esse.
„Heiß heute, nicht wahr, Aurora?“, rief er, während er den Hammer wieder auf das glühende Metall niederfahren ließ, Funken stoben in alle Richtungen.
„Als hätte jemand die Sonne näher gerückt“, erwiderte sie mit einem Lächeln, das nicht ganz ihre Augen erreichte. Sie hatte heute Morgen wieder seltsam geträumt – Bilder von fallenden Sternen und einem Baum, dessen Äste sich wie Finger nach dem Himmel streckten. Es waren immer die gleichen Träume in den letzten Wochen, immer klarer, immer drängender, als wollten sie ihr etwas sagen.
Gareth nickte verständnisvoll, als könnte er ihre Gedanken lesen. „Deine Mutter sucht dich übrigens. War vorhin am Brunnen, fragte nach dir. Sah besorgt aus.“
Aurora unterdrückte ein Seufzen. Ihre Mutter war in letzter Zeit immer besorgt, ihre Augen folgten Aurora durch das Haus, als würde sie etwas suchen, etwas fürchten.
„Danke, Gareth. Ich gehe gleich zu ihr.“
Sie setzte ihren Weg fort, das Wasser schwappte im Takt ihrer Schritte. Die Häuser von Mondbach schmiegten sich an den Hang, der sanft zum Fluss hinabführte, jedes ein wenig anders als das nächste, und doch Teil eines harmonischen Ganzen. Morgentaukraut wuchs in den Ritzen zwischen den Pflastersteinen, seine blauen Blüten geschlossen in der Hitze des Tages. Aurora hatte immer die Art bewundert, wie es selbst im härtesten Boden Wurzeln schlug, wie es Licht fand, wo andere nur Schatten sahen.
Ihr eigenes Haus stand etwas abseits, am Rande des Waldes, der sich über die Hügel erstreckte wie ein smaragdgrüner Mantel. Es war ein bescheidenes Gebäude mit einem Schindeldach, das im Sonnenlicht kupfern schimmerte, und Fensterläden, die ihre Mutter jeden Frühling in einem tiefen Blau strich – „die Farbe des klaren Himmels“, pflegte sie zu sagen, obwohl ihr Blick dabei immer ein wenig traurig wurde, als erinnere sie sich an einen anderen Himmel, einen anderen Ort.
Als Aurora den Hof betrat, sah sie ihre Mutter unter dem alten Apfelbaum stehen, die schlanken Hände um ein Wollknäuel gewunden. Lyra Nebelweber war eine ruhige Frau, ihre Bewegungen präzise und bedacht, als könnte jede falsche Geste ein unsichtbares Gleichgewicht stören. Ihr dunkles Haar war mit silbernen Fäden durchzogen, obwohl sie kaum vierzig sein konnte, und ihre Augen – genau wie Auroras – hatten diesen seltsamen violetten Schimmer, der im Dorf manchmal Getuschel auslöste.
„Da bist du ja“, sagte Lyra, ihr Ton neutral, doch Aurora spürte die Anspannung dahinter. „Elda sucht dich. Sie sagte, es wäre wichtig.“ Ihre Finger pausierten kurz in ihrem Weben, ein kaum merkliches Zögern, bevor sie weitermachte, als hätte sie fast etwas preisgegeben, was besser verborgen bliebe.
Aurora stellte den Eimer ab, das Wasser beruhigte sich langsam, spiegelte den Himmel und die Zweige des Apfelbaums wie ein kleiner See. „Was will sie denn?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits kannte. Elda suchte sie oft auf, erzählte ihr von den alten Geschichten, den Legenden, die kein anderer im Dorf mehr zu kennen schien.
„Das hat sie nicht gesagt.“ Lyra wandte sich wieder ihrer Wolle zu, ihre Finger bewegten sich in einem komplexen Muster, das Aurora nicht ganz folgen konnte. „Aber du solltest nicht zu lange bleiben. Es gibt noch Arbeit vor dem Abendessen.“
Aurora nickte, obwohl ihre Mutter es nicht sah, zu vertieft in ihr Weben, in das Muster, das unter ihren Fingern entstand. Manchmal fragte sich Aurora, was ihre Mutter in diesen feinen Fäden sah, welche Geschichten sie dort webte – Geschichten, die sie nie laut erzählte.
„Ich bin bald zurück“, versprach sie und machte sich auf den Weg zu Eldas Hütte, die am anderen Ende des Dorfes lag, fast versteckt zwischen hohen Hecken aus wildem Weißdorn, deren Blüten in der Luft tanzten wie winzige Sterne.
Die alte Elda war eine Institution in Mondbach, so vertraut wie der Brunnen auf dem Dorfplatz und genauso rätselhaft. Niemand wusste genau, wie alt sie war – „alt genug, um zu wissen, was wichtig ist“, pflegte sie zu antworten, wenn jemand fragte, ihre bernsteinfarbenen Augen funkelten dabei vor stillem Vergnügen. Sie kannte die Geschichten, die Legenden, die Geheimnisse, die der Wind durch die Blätter flüsterte. Aurora hatte seit ihrer Kindheit an Eldas Feuerstelle gesessen, hatte den Worten gelauscht, die wie Zaubersprüche durch den Raum wehten, hatte die Bilder in ihrem Kopf lebendig werden sehen – Geschichten von den Sternen, von den alten Zeiten, von Dingen, die waren und sein könnten.
Der Weg zu Eldas Hütte führte an der großen Eiche vorbei, die einsam auf dem Hügel stand, ihr Stamm von einem tiefen Riss durchzogen. Die Dorfkinder erzählten sich, dass der Baum vom Blitz getroffen worden war, in jener Nacht, als Aurora geboren wurde – in jener Nacht des großen Sternfalls, als der Himmel über Mondbach in Flammen zu stehen schien. Aurora wusste nicht, ob sie der Geschichte glauben sollte, aber sie hatte immer eine seltsame Verbindung zu dem Baum gespürt, als würde er sie rufen, als würde er sie kennen.
Ein Rascheln im Unterholz neben dem Pfad ließ sie innehalten. Sie starrte in die Schatten zwischen den Büschen, das Herz plötzlich schneller schlagend. Etwas bewegte sich dort – zu schnell für ein Eichhörnchen, zu lautlos für einen Fuchs. Ein Schatten, formlos und doch irgendwie zielgerichtet, glitt zwischen den Stämmen hindurch und verschwand tiefer in den Wald. Aurora blieb wie erstarrt stehen, die Sommerhitze vergessen, eine Kälte kroch ihr den Rücken hinauf. Hatte der Schatten kurz innegehalten? Hatte er sie angesehen?
Als sie an der Eiche vorbeiging, hielt sie kurz inne, legte ihre Hand auf die raue Rinde neben dem Riss. Die Borke war warm unter ihrer Berührung, pulsierte fast, als hätte der Baum ein eigenes Herz, einen eigenen Rhythmus. Und da war etwas anderes – etwas, das sie in letzter Zeit immer öfter spürte, ein leichtes Kribbeln in ihren Fingerspitzen, ein Flüstern an den Rändern ihres Bewusstseins, Worte, die sie nicht ganz fassen konnte. Sie zog ihre Hand zurück, ein leichtes Frösteln lief ihr über den Rücken, trotz der Hitze des Tages.
Eldas Hütte war ein wunderliches Gebäude, als hätte es sich im Laufe der Jahre selbst zusammengebaut, Stück für Stück, ohne Plan oder Muster. Das Dach war mit Moos bewachsen, die Fenster klein und rund wie Gläser, und über der Tür hing ein Kranz aus getrockneten Kräutern und seltsamen, silbrig schimmernden Federn, die Aurora nie an einem Vogel gesehen hatte. Sie klopfte an die Tür, das Holz warm unter ihren Knöcheln, und wartete.
„Komm herein, Aurora“, rief Elda, bevor Auroras Hand die Tür ein zweites Mal berühren konnte. „Das Wasser singt bereits vom Wiedersehen.“
Aurora trat ein in das Dämmerlicht der Hütte, ihre Augen brauchten einen Moment, um sich an das Halbdunkel zu gewöhnen. Der Raum war erfüllt vom Duft getrockneter Kräuter, die in Bündeln von den Balken hingen, und vom würzigen Aroma des Tees, der über dem kleinen Feuer in der Mitte köchelte. Elda saß auf einem niedrigen Hocker, ihre Hände bewegten sich über eine alte Pergamentrolle, die auf ihrem Schoß ausgebreitet lag. Sie blickte nicht auf, als Aurora eintrat, aber ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, als hätte sie genau gewusst, wann Aurora kommen würde.
„Setz dich, Kind“, sagte sie und deutete auf einen zweiten Hocker gegenüber. „Deine Gedanken flüstern so laut, dass sie den Staub zum Tanzen bringen.“
Aurora zögerte kurz, dann setzte sie sich, ihre Hände ruhten unruhig in ihrem Schoß. „Meine Mutter sagte, du wolltest mich sehen“, begann sie, unsicher, wie sie die Träume erwähnen sollte, die Gefühle, die sie nicht benennen konnte.
Elda rollte die Pergamentrolle sorgfältig zusammen und legte sie beiseite, dann hob sie endlich den Blick. Ihre Augen schienen das Licht des Feuers zu fangen und zurückzuwerfen, golden und warm und unergründlich tief. „Ja und nein“, antwortete sie, ihre Stimme wie das Rascheln alter Blätter. „Ich habe nicht nach dir geschickt, aber ich wusste, dass du kommen würdest. Die Sterne flüstern von Veränderung, Aurora – hörst du sie? Sie singen deinen Namen zwischen den Mondphasen.“
Aurora runzelte die Stirn. Es war typisch für Elda, in Rätseln zu sprechen, in Bildern, die Aurora nur halb verstand. „Was meinst du damit?“
Elda stand auf, ihre Bewegungen geschmeidig trotz ihres Alters, und ging zum Kessel. Sie goss heißes Wasser in zwei Tassen aus grob gebranntem Ton, legte etwas hinein, das aussah wie getrocknete Blüten und kleine Sternfrüchte. Der Duft, der aufstieg, war fremd und vertraut zugleich – Waldbeeren und etwas Tieferes, Erdiges, wie der Geruch nach einem Sommerregen.
„Hier“, sagte sie und reichte Aurora eine der Tassen. „Sternenblütentee. Gut für unruhige Träume.“
Aurora erstarrte, die Tasse auf halbem Weg zu ihren Lippen. „Woher weißt du von meinen Träumen?“, fragte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
Elda lächelte, ein Lächeln, das ihre Augen nicht ganz erreichte. „Ich weiß vieles, Aurora. Und manches weiß ich, weil ich es selbst geträumt habe. Die Träume sind wie Fenster, weißt du? Fenster zu dem, was war und was sein könnte.“ Sie nahm einen Schluck von ihrem Tee, ihre Augen nie Auroras Gesicht verlassend. „Du hast von fallenden Sternen geträumt, nicht wahr? Und von einem Baum, dessen Äste nach dem Himmel greifen.“
Aurora nickte stumm, ein leichtes Unbehagen kroch ihren Rücken hinauf. Es war nicht das erste Mal, dass Elda Dinge wusste, die sie nicht wissen konnte, aber es war immer wieder beunruhigend.
„Diese Träume sind Erinnerungen, Aurora“, fuhr Elda fort, ihre Stimme nun ernster. „Erinnerungen an eine Nacht, die du nicht bewusst erlebt hast, und doch ist sie Teil von dir. Die Nacht deiner Geburt, die Nacht des großen Sternfalls.“
„Die Nacht, als der Baum vom Blitz getroffen wurde“, ergänzte Aurora, das alte Kindermärchen kam ihr wieder in den Sinn.
Elda schüttelte leicht den Kopf, ein Ausdruck trat in ihre Augen, den Aurora nicht deuten konnte – Sorge? Wehmut? „Kein Blitz hat den Baum gespalten, Aurora. Es war etwas anderes, etwas Älteres.“ Sie stellte ihre Tasse ab und lehnte sich vor, ihre Stimme sank zu einem Flüstern. „Die Schatten werden unruhig in diesen Tagen. Sie bewegen sich am Rand des Waldes, flüstern Namen, die lange vergessen waren. Deinen Namen, Aurora.“
Ein Schauer lief Aurora über die Arme, trotz der Wärme des Feuers. „Was bedeutet das?“, fragte sie, ihre Stimme zitterte leicht.
Elda lehnte sich zurück, ihr Gesicht halb im Schatten, halb im Licht des Feuers. „Es bedeutet, dass du vorsichtig sein solltest. Manche Türen sollten verschlossen bleiben, manche Wege nicht beschritten werden.“ Sie griff nach etwas neben ihrem Stuhl und hielt es Aurora hin – ein kleines Amulett, gefertigt aus dunklem Holz und feinem Silberdraht, in dessen Mitte ein Stein eingelassen war, der im Feuerschein violett schimmerte, genau wie Auroras Augen.
„Trag dies bei dir“, sagte Elda. „Es wird dich vor den Schatten schützen, für eine Weile zumindest.“
Aurora zögerte, dann nahm sie das Amulett. Es war warm in ihrer Hand, als wäre es lebendig, als hätte es einen eigenen Puls. „Ich verstehe das alles nicht“, sagte sie leise. „Was sind diese Schatten? Warum sollten sie nach mir suchen?“
Elda seufzte, ein tiefer, müder Laut. „Es gibt Dinge in dieser Welt, Aurora, die älter sind als die Berge, älter als die Sterne selbst. Dinge, die schlafen und träumen und manchmal erwachen.“ Sie griff nach Auroras Hand, ihre Finger überraschend stark. „Die Sterne waren schon immer da, Kind. Aber manchmal können wir sie erst sehen, wenn die Dunkelheit tief genug ist.“
Aurora öffnete den Mund, um weitere Fragen zu stellen, aber etwas in Eldas Blick ließ sie innehalten – eine Warnung, eine Bitte um Geduld, vielleicht beides.
„Trink deinen Tee“, sagte Elda sanfter. „Und dann geh nach Hause. Deine Mutter wird sich sorgen.“
Aurora trank gehorsam, der Tee schmeckte süß und bitter zugleich, hinterließ ein Kribbeln auf ihrer Zunge. Als sie die Tasse absetzte, hatte sie das seltsame Gefühl, dass die Welt um sie herum sich verändert hatte, als hätte das Licht eine andere Qualität angenommen, als wären die Schatten tiefer geworden.
„Da ist noch etwas“, sagte sie plötzlich, die Worte kamen von selbst, ohne dass sie darüber nachgedacht hätte. „Ich habe auch von einem Buch geträumt. Ein altes Buch mit seltsamen Zeichen, wie Äste oder Adern.“ Sie blickte auf, sah die Überraschung in Eldas Augen, ein kurzes Aufflackern, schnell verborgen.
„Manche Träume sind mehr als Erinnerungen“, sagte Elda nach einer langen Pause. „Manche sind Wegweiser.“ Sie stand auf, ein Zeichen, dass das Gespräch zu Ende war. „Geh jetzt, Aurora. Und sei wachsam. Nicht alles, was im Dunkeln flüstert, meint es gut mit dir.“
Aurora erhob sich, das Amulett fest in ihrer Hand. Am Haus der alten Elda war etwas Unwirkliches, etwas, das nicht ganz zu Mondbach zu gehören schien, als stünde es halb in einer anderen Welt.
„Was, wenn ich mehr Träume habe?“, fragte sie an der Tür, das Sonnenlicht fiel in scharfen Streifen durch die Zweige der Hecke, malte Muster auf den Boden zu ihren Füßen.
Elda stand im Halbdunkel, ihre Gestalt verschwamm mit den Schatten hinter ihr. „Dann komm wieder zu mir“, sagte sie. „Aber Aurora…“ Sie hielt inne, als suchte sie nach den richtigen Worten. „Manchmal ist es besser, nicht zu sehen, was kommt.“
Mit diesen Worten schloss sie die Tür, und Aurora stand allein im fleckigen Sonnenlicht, das Amulett warm in ihrer Hand, die Worte der alten Frau echoten in ihrem Kopf. Sie hängte das Amulett um ihren Hals, spürte sein Gewicht gegen ihre Haut, ein Versprechen, ein Schutz, vielleicht eine Warnung.
Als sie zurück durch das Dorf ging, erschien ihr alles seltsam fremd, als sähe sie es zum ersten Mal – die Art, wie das Licht auf den Dächern lag, die Schatten, die sich in den Ecken sammelten, die Blicke der Dorfbewohner, die ihr folgten, neugierig, misstrauisch, wartend. Selbst der Himmel schien anders, tiefer, als könnte sie durch das Blau hindurch in eine Dunkelheit blicken, die dahinter lauerte.
An der großen Eiche blieb sie wieder stehen, legte ihre Hand auf den Riss im Stamm. Das Kribbeln war stärker jetzt, ein Pulsieren, das durch ihre Fingerspitzen in ihren Arm floss, und wieder hörte sie das Flüstern, näher jetzt, deutlicher, als hätte der Tee ihre Sinne geschärft. Worte in einer Sprache, die sie nicht kannte und doch zu verstehen glaubte, Worte, die von fallenden Sternen erzählten und von einem Licht, das im Dunkeln brannte.
Sie zog ihre Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt, und eilte den Rest des Weges nach Hause, das Amulett klopfte gegen ihre Brust im Rhythmus ihrer Schritte, ein stetiger Schlag wie ein zweites Herz.
Das Haus war still, als sie eintrat, der Wassereimer stand noch immer im Hof, das Wasser spiegelte nun den Abendhimmel, der sich langsam rötete. Ihre Mutter war verschwunden, nur das Wollknäuel lag noch unter dem Apfelbaum, halb fertig gewebt, die Fäden glänzten im Licht der untergehenden Sonne wie Silber und Schatten.
Aurora rief nach ihrer Mutter, doch keine Antwort kam zurück. Das Haus lag in einer seltsamen Stille, als hielte es den Atem an. Sie ging zur Küche, wo normalerweise um diese Zeit das Abendessen vorbereitet wurde, doch der Herd war kalt, die Töpfe unberührt. Auf dem Tisch stand eine einzelne Kerze, noch nicht entzündet, daneben ein Stück Brot und Käse – ihre Mutter hatte ihr etwas zu essen dagelassen, aber wo war sie selbst?
Ein Unbehagen kroch in Aurora hoch, eine irrationale Angst, die sie nicht erklären konnte. Sie dachte an Eldas Worte, an die Schatten, die am Waldrand flüsterten, und ihre Hand schloss sich fest um das Amulett an ihrem Hals. Die Dämmerung schlich sich langsam durch die Fenster, verwandelte vertraute Gegenstände in fremdartige Silhouetten.
Aurora zündete die Kerze an, das flackernde Licht tanzte über die Wände, warf Schatten, die sich bewegten wie lebendige Dinge. Sie aß ein wenig von dem Brot und Käse, aber ohne Appetit, ihre Gedanken waren woanders – bei den Träumen, bei Eldas Warnungen, bei der Mutter, die verschwunden war, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.
Als sie fertig war, nahm sie die Kerze und ging langsam durch das Haus, suchte nach irgendeinem Hinweis. Die Tür zum Zimmer ihrer Mutter stand einen Spalt offen, ein schwacher Lichtschein drang heraus – nicht das warme Gelb einer Kerze, sondern ein kälteres, silbriges Leuchten, wie Mondlicht, obwohl der Mond noch nicht aufgegangen war.
Aurora zögerte, die Hand an der Türklinke. Ihre Mutter mochte es nicht, wenn sie ihr Zimmer betrat, es war eine der unausgesprochenen Regeln ihres Zusammenlebens. Doch die Sorge überwog, und sie drückte die Tür vorsichtig auf.
Das Zimmer war leer, das Bett unberührt. Die Quelle des silbrigen Lichts war ein kleines Objekt auf dem Kaminsims – ein Amulett, ähnlich dem, das Elda ihr gegeben hatte, aber größer, komplexer, mit einem größeren Stein in der Mitte, der im Dämmerlicht pulsierte wie ein lebendiges Herz. Daneben lag ein Brief, die Tinte noch feucht, als wäre er eben erst geschrieben worden.
Aurora trat näher, hielt die Kerze hoch. Der Brief war in der feinen, präzisen Handschrift ihrer Mutter verfasst, aber die Worte waren hastig geschrieben, manche Buchstaben verschmiert, als hätte sie sich beeilt.
Aurora,
Ich musste fort, es ist dringend. Bleib im Haus, verriegle die Türen und Fenster. Unter keinen Umständen darfst du nach Einbruch der Dunkelheit hinausgehen. Ich werde zurückkommen, sobald ich kann.
Vertrau Elda, wenn etwas geschieht. Sie weiß mehr, als sie sagt.
Sei vorsichtig. Mutter
Aurora starrte auf die Worte, las sie wieder und wieder, als könnten sie mehr preisgeben, wenn sie nur lange genug hinsah. Was konnte so dringend sein, dass ihre Mutter mitten am Tag fortgehen musste, ohne ihr etwas zu sagen? Und wovor sollte sie sich fürchten?
Ihr Blick wanderte zu dem Amulett auf dem Kaminsims. Es war dem ihren ähnlich, aber die Muster, die in das Silber gearbeitet waren, waren komplexer, älter irgendwie, und der Stein in der Mitte war größer, sein Leuchten intensiver. Sie streckte zögernd die Hand danach aus, hielt inne, als sie das Kribbeln in ihren Fingerspitzen spürte, stärker jetzt, ein Pulsieren, das ihren ganzen Arm hinaufwanderte.
„Manche Türen sollten verschlossen bleiben“, hatte Elda gesagt, und Aurora zog ihre Hand zurück, das Kribbeln verklang langsam. Sie würde das Amulett ihrer Mutter nicht berühren, aber vielleicht gab es andere Hinweise in diesem Raum, etwas, das erklären konnte, was geschah.
Sie ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen, suchte nach etwas Ungewöhnlichem, etwas, das nicht hierher gehörte. Ihre Mutter war eine ordentliche Frau, alles hatte seinen Platz – die Kleidertruhe am Fußende des Bettes, der kleine Tisch mit Spiegel, der alte Webrahmen in der Ecke, an dem halb fertige Muster hingen, komplexe Designs, die Aurora nie ganz verstand.
Etwas an der Wand neben dem Webrahmen erregte ihre Aufmerksamkeit – ein Schatten, der nicht ganz zu den anderen passte, eine leichte Unebenheit im sonst glatten Verputz. Sie trat näher, hielt die Kerze hoch. Die Wand sah anders aus als der Rest des Raumes, als wäre sie später hinzugefügt worden, und am unteren Rand konnte sie einen feinen Riss erkennen, der sich über die gesamte Breite zog.
Aurora kniete nieder, ihre Finger fuhren über den Riss, suchend. Das Kribbeln kehrte zurück, stärker diesmal, ein Pulsieren, das durch ihre Finger in ihren Arm floss wie fließendes Licht. Etwas in der Wand reagierte auf ihre Berührung, ein leises Klicken erklang, und ein Teil der Wand bewegte sich leicht nach innen, offenbarte eine schmale Öffnung.
Aurora hielt den Atem an. Ein geheimer Raum, verborgen all die Jahre, direkt neben dem Zimmer ihrer Mutter. Sie zögerte, Eldas Warnung klang in ihren Ohren nach, doch die Neugier war stärker. Mit klopfendem Herzen schob sie die verborgene Tür weiter auf und hielt die Kerze in die Öffnung.
Der Raum dahinter war klein, kaum größer als ein Schrank, die Wände bedeckt mit feinen Zeichnungen – Sterne, Bäume, seltsame Symbole, die Aurora nicht kannte. Ein kleiner Tisch stand an der Wand, darauf ausgebreitet zahlreiche Pergamente und Karten, einige uralt und brüchig, andere neueren Datums. Daneben lag ein Buch, in abgewetztes Leder gebunden, seine Kanten abgenutzt von häufigem Gebrauch.
Aurora trat ein, das Licht ihrer Kerze ließ die Schatten im Raum tanzen. Die Luft roch nach Staub und etwas Tieferem, Älteren – wie die Seiten eines vergessenen Buches, wie die Erde nach einem Gewitterregen. Sie fühlte sich wie eine Eindringling in einem heiligen Ort, und doch zog es sie unwiderstehlich zu dem Buch auf dem Tisch.
Sie stellte die Kerze ab und nahm das Buch vorsichtig in die Hände. Es war schwerer als es aussah, als wäre es mit mehr als nur Worten gefüllt. Auf dem Einband war kein Titel zu sehen, nur ein eingeprägtes Symbol – ein Baum, dessen Zweige sich wie Flammen zum Himmel streckten, umgeben von Sternen. Das Symbol pulsierte leicht unter ihren Fingern, oder bildete sie sich das nur ein? Das Kribbeln in ihren Händen wurde stärker, ein rhythmisches Pochen, das mit ihrem Herzschlag zu verschmelzen schien.
Aurora schlug das Buch auf, die Seiten raschelten wie Herbstlaub. Die ersten Seiten waren mit einer präzisen, klaren Handschrift gefüllt, die sie sofort erkannte – die ihres Vaters, Alaric Nebelweber. Ein Tagebuch? Eine Chronik? Sie strich mit zitternden Fingern über die Linien, die Handschrift eines Mannes, den sie nie wirklich gekannt hatte, und doch fühlte es sich an, als würde sie seine Stimme hören, als würde er direkt zu ihr sprechen durch die Jahre der Trennung hindurch. Eine unerwartete Wärme stieg in ihr auf, ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, als sie die Worte las, die ihr Vater zurückgelassen hatte – für sie? Für die Welt? Die Worte verschwammen kurz vor ihren Augen, als Tränen sich bildeten, doch sie blinzelte sie fort, und einige Passagen traten klar hervor:
„Der Sternfall war keine natürliche Erscheinung. Etwas ist erwacht, etwas Altes, etwas, das lange geschlafen hat…“
„Die Zeichen werden deutlicher. In den Bäumen am Waldrand finde ich seltsame Risse, schwarz wie Tinte, als hätte jemand die Realität selbst aufgerissen…“
„Das Siegel muss gehalten werden, um jeden Preis. Wenn es bricht, wird die Leere eindringen, und alles, was wir kennen, wird enden…“
Aurora blätterte weiter, ihr Herz schlug schneller. Die späteren Einträge wurden unruhiger, die Handschrift hastig und unregelmäßig, als hätte ihr Vater in großer Eile oder Angst geschrieben:
„Sie kommen näher. Ich spüre sie in meinen Träumen, ihre Stimmen rufen meinen Namen. Ich muss das Siegel verstärken, aber die Kraft schwindet…“
„Aurora ist der Schlüssel. Sie trägt das Licht der Sterne in sich, ohne es zu wissen. Möge sie mir vergeben, was ich tun muss…“
Der letzte Eintrag war abrupt, die letzten Worte verliefen in einen langen Strich, als wäre der Schreiber unterbrochen worden:
„Sie haben mich gefunden. Ich habe keine Wahl. Das Siegel muss gehalten werden, selbst wenn ich—“
Danach nur leere Seiten, wartend, ungeschrieben. Aurora starrte auf die letzte, unvollendete Zeile, ein kaltes Gefühl breitete sich in ihr aus. Was war mit ihrem Vater geschehen? Was war dieses Siegel, von dem er schrieb? Und was meinte er damit, dass sie „der Schlüssel“ sei?
Sie blätterte zurück, suchte nach mehr Hinweisen, und hielt inne, als ihre Augen auf eine Zeichnung fielen – das gleiche Symbol wie auf dem Einband, der Baum und die Sterne, aber detaillierter, mit feinen Linien, die sich durch das gesamte Bild zogen, verbunden durch Knotenpunkte, die mit einer fremdartigen Schrift beschriftet waren. Unter der Zeichnung hatte ihr Vater eine Notiz geschrieben:
„Das Siegel der Netheryn, gebunden an die Sieben Sterne. Solange es hält, bleibt die Leere gebannt.“
Das Wort „Netheryn“ ließ Aurora innehalten. Es klang fremd und doch vertraut, als hätte sie es schon einmal gehört, irgendwo in ihren Träumen. Ihre Finger strichen über die Zeichnung, das Kribbeln wurde zu einem warmen Pulsieren, das durch ihren ganzen Körper zu fließen schien. Die Linien unter ihren Fingerspitzen begannen sanft zu leuchten, ein schwacher silbriger Schimmer, der die Dunkelheit des Raumes zurückdrängte.
„Aurora?“
Die Stimme ihrer Mutter, scharf vor Schreck, riss sie aus ihrer Versunkenheit. Aurora drehte sich um und sah Lyra im Türrahmen stehen, das Gesicht bleich im Kerzenlicht, die Augen weit vor Entsetzen.
„Was tust du hier?“, fragte Lyra, ihre Stimme zitterte. „Das ist kein Ort für dich.“
Aurora schloss das Buch nicht, hielt es weiter offen, die leuchtenden Linien des Siegels schimmerten zwischen ihren Fingern. „Was ist das, Mutter? Was ist mit Vater geschehen? Was ist dieses Siegel, von dem er schreibt?“
Lyra trat einen Schritt zurück, ihre Hand fuhr zum Hals, wo Aurora nun ein Amulett sah – größer als ihres, mit einem pulsierenden violetten Stein in der Mitte, der dem auf dem Kaminsims glich. „Lass das Buch los, Aurora“, sagte sie, ihre Stimme jetzt ruhiger, kontrollierter, aber mit einer Dringlichkeit, die Aurora noch nie gehört hatte. „Es ist gefährlich.“
„Gefährlich? Es ist Vaters Tagebuch. Er schreibt über den Sternfall, über ein Siegel, über… mich.“ Aurora blätterte eine Seite zurück, zeigte auf den Eintrag. „Er sagt, ich sei der Schlüssel. Was bedeutet das?“
Lyra schloss kurz die Augen, wie um Kraft zu sammeln, dann streckte sie die Hand aus. „Gib mir das Buch, Aurora. Es gibt Dinge, die du noch nicht verstehen kannst, Dinge, vor denen ich dich beschützen wollte.“
„Beschützen? Oder belügen?“, die Worte kamen schärfer als beabsichtigt, aber die Entdeckung des geheimen Raumes, des Tagebuches ihres Vaters, all die Geheimnisse, die sie plötzlich umgaben, hatten etwas in ihr ausgelöst – eine Wut, die sie nicht kannte, eine Entschlossenheit, die Wahrheit zu erfahren, egal um welchen Preis.
Lyra trat in den Raum, ihre Bewegungen vorsichtig, als näherte sie sich einem scheuen Tier. „Ich habe dich nie belogen, Aurora. Ich habe nur versucht, dich zu schützen. Die Welt ist… komplizierter, als du weißt. Gefährlicher.“
„Wie Vater verschwunden ist?“, fragte Aurora leise. Sie hatte nie gewagt, diese Frage direkt zu stellen, hatte die Version akzeptiert, die ihr als Kind erzählt worden war – dass ihr Vater auf einer Forschungsreise verschollen sei, irgendwo in den Bergen jenseits von Mondbach. Aber die Einträge im Tagebuch sprachen eine andere Sprache. „Er ist nicht einfach verschwunden, oder? Etwas ist mit ihm geschehen. Etwas, das mit diesem Siegel zu tun hat, mit der… Netheryn.“
Bei dem Wort zuckte Lyra zusammen, als hätte Aurora sie geschlagen. Ihre Hand umklammerte das Amulett fester, und der Stein darin pulsierte stärker, sein Licht warf seltsame Schatten auf ihr Gesicht.
„Woher kennst du dieses Wort?“, fragte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
Aurora deutete auf das Buch. „Es steht hier. Vater schreibt darüber, über das ‚Siegel der Netheryn‘. Was ist das, Mutter? Was ist mit Vater geschehen?“
Lyra stand einen Moment reglos, ihr Gesicht ein Kampf widerstreitender Emotionen, dann seufzte sie tief und ließ die Hand sinken. „Dein Vater…“, begann sie, hielt inne, suchte nach Worten. „Dein Vater hat etwas entdeckt, etwas Mächtiges und Gefährliches. Er dachte, er könnte es kontrollieren, studieren, aber…“ Sie schüttelte den Kopf, Trauer verdunkelte ihre Augen. „Es kontrollierte ihn, am Ende. Die Netheryn ist keine Kraft, mit der man leichtfertig umgehen sollte.“
„Was ist die Netheryn?“, fragte Aurora, ihre Finger strichen unbewusst über die leuchtenden Linien des Siegels im Buch.
„Eine Kraft aus den Sternen“, antwortete Lyra nach langem Zögern. „Eine Energie, die durch alles fließt, die formt und erschafft… und zerstört. Die Alten nannten sie das ‚Licht der Sterne‘, aber es ist mehr als das. Es ist…“ Sie suchte nach Worten, die Aurora verstehen würde, ihre Finger spielten unbewusst mit dem Amulett an ihrem Hals. „Es ist wie Feuer, Aurora. Es kann wärmen oder verbrennen.“ Ein seltsamer Ausdruck huschte über ihr Gesicht, eine Mischung aus Sehnsucht und Furcht. „Dein Vater dachte, er könnte sie kontrollieren, aber ich…“ Sie brach ab, presste die Lippen zusammen, als hätte sie zu viel gesagt. „Manche Feuer sollten nicht entzündet werden.“
Aurora blickte auf die leuchtende Zeichnung, dann wieder zu ihrer Mutter. „Und dieses Siegel? Was bedeutet es?“
Lyra trat näher, ihre Stimme sank zu einem Flüstern, obwohl sie allein im Haus waren. „Das Siegel hält etwas zurück, etwas, das noch gefährlicher ist als die Netheryn. Die Leere.“ Sie deutete auf das Amulett an ihrem Hals. „Diese Amulette, sie sind verbunden mit dem Siegel. Sie helfen, es zu stärken, zu bewahren.“
Aurora berührte ihr eigenes Amulett, das Elda ihr gegeben hatte. „Wie dieses?“
Lyra betrachtete das kleine Amulett um Auroras Hals, Überraschung flackerte über ihr Gesicht. „Woher hast du das?“
„Von Elda. Sie sagte, es würde mich vor den Schatten schützen.“
Ein komplexer Ausdruck huschte über Lyras Gesicht – Erleichterung, Sorge, Resignation. „Elda weiß mehr, als sie zugibt“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu Aurora. Dann streckte sie erneut die Hand aus, diesmal sanfter. „Bitte, Aurora. Das Buch ist nicht für dich bestimmt, nicht jetzt. Es gibt Dinge, die du noch nicht verstehen kannst, Dinge, die dich in Gefahr bringen könnten.“
Aurora zögerte, das Buch noch immer in ihren Händen. Die leuchtenden Linien des Siegels pulsierten im Rhythmus ihres Herzschlags, als wären sie lebendig, als sprächen sie zu ihr in einer Sprache ohne Worte. Eine tiefe Verbindung, die sie nicht erklären konnte.
„Was meinte Vater damit, dass ich der Schlüssel bin?“, fragte sie leise.
Lyras Augen wurden weich, eine Mischung aus Liebe und tiefer Sorge. „Du bist besonders, Aurora. Geboren in der Nacht des Sternfalls, als die Netheryn erwachte. Es gibt eine… Verbindung.“ Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie einen Gedanken verscheuchen. „Aber das bedeutet nicht, dass du in diese Dinge hineingezogen werden musst. Dein Vater wollte dich beschützen, genau wie ich.“
„Indem ihr mir die Wahrheit vorenthaltet?“, fragte Aurora, ein Anflug von Bitterkeit in ihrer Stimme.
„Indem wir dir die Chance geben, ein normales Leben zu führen“, erwiderte Lyra sanft. „Dein Vater wollte nie, dass du in seinen Kampf hineingezogen wirst. Er wollte, dass du Frieden findest, Glück.“
Aurora blickte auf das Buch hinab, auf die Worte ihres Vaters, die von Gefahr sprachen, von Verantwortung, von einem Kampf, der nicht der ihre sein sollte. Und doch fühlte sie sich gezogen, als wäre ein Teil von ihr immer darauf vorbereitet gewesen, als hätte sie tief in sich gewusst, dass diese Entdeckung kommen würde.
Langsam schloss sie das Buch, die leuchtenden Linien verblassten, hinterließen ein Nachbild auf ihrer Netzhaut wie ein verblassender Traum. Sie hielt es ihrer Mutter hin, eine Geste des Vertrauens, wenn auch eines zerbrechlichen.
„Ich will die Wahrheit wissen“, sagte sie fest. „Über Vater, über die Netheryn, über mich. Nicht heute, vielleicht, aber bald.“
Lyra nahm das Buch, ihre Hände zitterten leicht. „Es gibt Wahrheiten, die schwer zu tragen sind, Aurora“, sagte sie leise. „Aber ja, du hast ein Recht darauf, sie zu erfahren. Wenn die Zeit gekommen ist.“
Sie traten aus dem verborgenen Raum, Lyra verschloss die Geheimtür mit einer fließenden Bewegung, als hätte sie es tausendmal getan. Das Klicken des Mechanismus klang endgültig in der Stille des Zimmers.
„Wo warst du?“, fragte Aurora, als sie zurück in den Hauptraum des Hauses gingen, das Kerzenlicht warf lange Schatten an die Wände.
Lyra legte das Buch behutsam auf den Tisch, ihre Finger verweilten einen Moment auf dem Einband, als verabschiedete sie sich von einem alten Freund. „Im Wald“, antwortete sie nach kurzem Zögern. „Es gab… Zeichen. Dinge, die ich überprüfen musste.“ Sie blickte zu den Fenstern, wo die Nacht nun vollständig hereingebrochen war, der Mond stand silbern am Himmel. „Die Schatten werden unruhiger in diesen Tagen. Sie bewegen sich, flüstern Namen.“
„Wie Elda sagte“, murmelte Aurora, die Worte der alten Frau kamen ihr wieder in den Sinn. „Sie warnte mich vor den Schatten.“
Lyra nickte langsam. „Elda sieht vieles, was anderen verborgen bleibt.“ Sie wandte sich zu Aurora, nahm ihre Hände in die ihren, ihre Augen ernst im Kerzenlicht. „Versprich mir, dass du vorsichtig sein wirst, Aurora. Dass du nicht allein in den Wald gehst, besonders nicht nach Einbruch der Dunkelheit. Und dass du das Amulett immer trägst.“
Aurora drückte die Hände ihrer Mutter. „Ich verspreche es“, sagte sie, obwohl ein Teil von ihr wusste, dass dieses Versprechen schwer zu halten sein würde. Die Entdeckungen dieses Tages hatten etwas in ihr geweckt, eine Neugier, ein Hunger nach Wissen, der nicht leicht zu stillen sein würde.
Sie gingen schweigend in die Küche, bereiteten ein spätes Abendessen, die Atmosphäre zwischen ihnen war verändert – nicht gespannt, aber anders, als hätte das Gleichgewicht ihrer Beziehung sich verschoben. Aurora beobachtete ihre Mutter aus dem Augenwinkel, sah sie mit neuen Augen – nicht nur als die ruhige Weberin, die sie immer gekannt hatte, sondern als Hüterin von Geheimnissen, als Bewahrerin eines Siegels, dessen Natur Aurora nur erahnen konnte.
Später, als das Haus dunkel und still war, lag Aurora in ihrem Bett und starrte durch das kleine Fenster zu den Sternen hinauf. Sie leuchteten klar und kalt, wie sie es immer getan hatten, und doch erschienen sie ihr anders, jetzt, da sie wusste, dass sie mehr waren als nur Lichter am Himmel – dass sie eine Verbindung teilten, sie und die Sterne, eine Verbindung, die mit ihrer Geburt in jener Nacht des Sternfalls begonnen hatte.
Das Amulett an ihrem Hals pulsierte warm gegen ihre Haut, ein sanfter Rhythmus wie ein zweites Herz. Und während Aurora in den Schlaf glitt, träumte sie erneut von fallenden Sternen und einem Baum, dessen Äste nach dem Himmel griffen – aber diesmal war der Traum klarer, detaillierter, als hätte das Buch, das sie berührt hatte, etwas in ihr geweckt, etwas, das lange geschlafen hatte.
In dem Traum stand sie auf der Hügelkuppe, neben der großen Eiche mit dem Riss. Der Himmel über ihr brannte mit Sternen, die wie Tränen fielen, und in ihren Händen hielt sie das Buch, geöffnet auf der Seite mit dem Siegel. Die Linien leuchteten, pulsierten, breiteten sich aus über die Seite, über ihre Hände, flossen ihren Arm hinauf und in ihr Herz. Und eine Stimme, tief und alt wie die Sterne selbst, flüsterte ein Wort in ihr Ohr, ein Wort, das sie nicht verstand und doch zu kennen glaubte:
„Netheryn.“

KAPITEL 2
DIE FLÜSTERN DER STERNE
Der folgende Tag zog sich endlos hin für Aurora. Die Hausarbeiten, die sonst einen angenehmen Rhythmus in ihren Tag brachten, erschienen ihr nun wie lästige Hindernisse, die sie von ihrem eigentlichen Ziel abhielten. Ihre Mutter hatte das Verschwinden des Tagebuchs noch nicht bemerkt – oder wenn doch, dann zeigte sie es nicht. Lyra wirkte müde, ihre Bewegungen waren langsamer als sonst, und mehrmals ertappte Aurora sie dabei, wie sie mit einer Hand gedankenverloren ihr Amulett umklammerte, während ihr Blick ins Leere ging.
Als der Abend kam und die Schatten länger wurden, spürte Aurora eine wachsende Unruhe in sich, ein Kribbeln, das nicht nur in ihren Fingerspitzen, sondern in ihrem ganzen Körper zu pulsieren schien. Sie hatte den ganzen Tag über das Ritual nachgedacht, das ihr Vater in seinem Tagebuch beschrieben hatte – die präzisen Gesten, die fokussierte Vorstellung, und vor allem das Wort, das alles in Gang setzen würde.
„Ich gehe früh schlafen“, sagte sie zu ihrer Mutter, als sie das Abendgeschirr abgeräumt hatten. „Ich fühle mich etwas erschöpft.“
Lyra sah sie prüfend an, in ihren Augen flackerte ein Verdacht, der sich jedoch nicht in Worte formte. „Schlaf gut“, sagte sie nur und strich Aurora sanft über die Wange, eine Geste, die sie seit Jahren nicht mehr gemacht hatte. „Und Aurora…“ Sie zögerte, suchte nach Worten. „Wenn du… wenn du etwas Ungewöhnliches bemerkst, komm zu mir. Egal was es ist, egal wann.“
Aurora nickte, ein Anflug von Schuld stieg in ihr auf. Sie log nicht gern, vor allem nicht ihre Mutter an. Doch dies war etwas, das sie allein erkunden musste, ein Pfad, den sie ohne die wohlmeinenden Einschränkungen anderer beschreiten wollte.
In ihrem Zimmer wartete sie ungeduldig auf die Nacht. Sie hatte alles vorbereitet – das Tagebuch unter ihrem Kopfkissen, eine einzelne Kerze auf dem Tisch, das kleine Kristallfragment, das ihr Vater in seinen Notizen erwähnt hatte und das sie unter den Dielenbohlen ihres Zimmers versteckt hielt, ein Überbleibsel aus Kindertagen, als sie alles sammelte, was glitzerte.
Als das Haus endlich still war, als die letzten Geräusche von Lyras Bewegungen verstummt waren, holte Aurora tief Luft und zündete die Kerze an. Das flackernde Licht warf tanzende Schatten an die Wände, transformierte ihr vertrautes Zimmer in einen Ort zwischen Traum und Wirklichkeit.
Sie nahm das Tagebuch hervor und schlug es auf der Seite auf, die das Ritual beschrieb. Mit zitternden Fingern las sie die Anweisungen noch einmal durch, prägte sich jeden Schritt ein. Dann legte sie das Buch beiseite, nahm den kleinen Kristall und setzte sich in die Mitte des Raumes, die Beine gekreuzt, den Rücken gerade, wie in den Meditationsübungen, die Elda sie einst gelehrt hatte.
Der Kristall lag kühl in ihrer Hand, sein facettiertes Inneres fing das Kerzenlicht ein und brach es in winzige Regenbogen. Aurora schloss die Augen, atmete tief ein und ließ den Atem langsam wieder entweichen. Sie spürte, wie ihre Anspannung nachließ, wie ihr Körper ruhiger wurde, während ihr Geist wacher, fokussierter wurde.
Sie stellte sich vor, wie ihr Vater dies getan hatte, allein in einem stillen Raum, sein Geist ausgestreckt nach einer Kraft, die älter war als die Menschheit selbst. Hatte er die gleiche Mischung aus Furcht und Faszination gefühlt? Die gleiche unwiderstehliche Neugier?
Langsam öffnete sie die Augen, hielt den Kristall vor sich in beiden Händen. Gemäß den Anweisungen im Tagebuch stellte sie sich einen Strom aus Licht vor, der durch ihren Körper floss, durch ihre Arme in den Kristall. Sie visualisierte, wie das Licht sich im Inneren des Kristalls sammelte, wie es stärker wurde, intensiver, ein kleiner Stern, den sie in ihren Händen hielt.
Das Kribbeln in ihren Fingern wurde stärker, breitete sich durch ihre Arme aus, ein warmes Pulsieren, das mit ihrem Herzschlag synchron zu sein schien. Der Kristall in ihrer Hand erwärmte sich, nicht unangenehm, sondern lebendig, als würde etwas in ihm erwachen.
Aurora atmete tief ein und fokussierte ihren Geist auf ein einziges Bild – Licht, reines, silbriges Licht, wie die Strahlen des Mondes, die durch das Fenster fielen, wie das Leuchten der Sterne in einer klaren Nacht. Dann, mit einer Stimme, die kaum mehr als ein Flüstern war, sprach sie das Wort aus:
„Netheryn.“
Für einen Moment geschah nichts, nur das leise Knistern der Kerze und das Rauschen ihres eigenen Blutes in ihren Ohren. Dann, langsam, begann der Kristall zu glühen, ein schwaches, silbriges Licht, das von innen zu kommen schien. Aurora starrte fasziniert darauf, während das Leuchten sich intensivierte, heller wurde, bis der kleine Stein in ihren Händen wie ein Stern strahlte, dessen Licht ihre Haut in ein unwirkliches Silber tauchte.
„Es funktioniert“, flüsterte sie atemlos, ihre Augen weit vor Staunen. Das Licht des Kristalls pulsierte im Rhythmus ihres Herzschlags, verstärkte sich mit jedem Schlag, breitete sich aus, bis es ihre Hände umhüllte, ihre Arme, ihren ganzen Körper.
Die Kerze auf dem Tisch flackerte wild, als hätte ein plötzlicher Windstoß sie getroffen. Die Schatten im Raum zogen sich zurück, flüchteten in die Ecken, während das silbrige Licht jede Dunkelheit zu vertreiben schien. Aurora spürte eine Euphorie in sich aufsteigen, ein Gefühl grenzenloser Möglichkeiten, als hätte sich eine Tür in ihrem Inneren geöffnet, die zuvor verschlossen war.
„Netheryn„, sagte sie erneut, diesmal lauter, selbstbewusster, und das Licht antwortete, explodierte förmlich aus dem Kristall, erfüllte den ganzen Raum mit seinem übernatürlichen Glanz. Es war nicht nur Licht, erkannte Aurora, es war eine Präsenz, eine lebendige Kraft, die auf sie reagierte, die mit ihr zu kommunizieren schien in einer Sprache ohne Worte.
Aurora stand auf, der Kristall schwebte zwischen ihren Händen, gehalten von nichts als dem silbrigen Licht, das nun wie fließendes Wasser um ihre Finger wirbelte. Sie spürte eine Macht in sich, die sowohl erschreckend als auch berauschend war, eine Kraft, die der Schwerkraft zu trotzen schien, die die Grenzen des Möglichen neu definierte.
Mit einer instinktiven Bewegung hob sie die Hände, und das Licht folgte, formte sich zu wirbelnden Mustern in der Luft, zu leuchtenden Linien, die dem Siegel in ihres Vaters Tagebuch ähnelten. Aurora lachte leise, ein Laut des reinen Erstaunens, als die Linien sich nach ihrem Willen formten, als die Netheryn auf ihre Gedanken reagierte, als wäre sie eine Verlängerung ihres eigenen Bewusstseins.
Dann, ohne Vorwarnung, veränderte sich etwas. Das silbrige Licht pulsierte plötzlich heftiger, sein Glanz wurde schmerzhaft intensiv. Aurora spürte, wie die Kontrolle ihr entglitt, wie die Kraft in ihr eigene Wege ging, stärker und wilder, als sie es sich vorgestellt hatte. Der Kristall in ihren Händen vibrierte, sein Leuchten wurde blendend.
„Nein“, keuchte sie, als das Licht sich über die Grenzen ihres Willens hinaus ausbreitete, als es die Wände ihres Zimmers zu durchdringen schien, als würden sie dünn wie Papier. „Zu viel.“
Die Luft im Raum verdichtete sich, wurde elektrisch, knisterte mit einer Energie, die Aurora die Haare zu Berge stehen ließ. Der Kristall rotierte nun, schneller und schneller, ein Wirbel aus Licht und Macht, der ihrer Kontrolle vollständig entglitten war. Die Schatten in den Ecken des Zimmers schienen zu pulsieren, sich zu bewegen, als wären sie lebendig geworden.
Und dann, mitten in diesem Chaos aus Licht und Energie, wurde alles still. Das Licht erstarrte, die Zeit selbst schien innezuhalten. Aurora schwebte in einem Moment perfekter Ruhe, einer Stille so tief, dass sie ihren eigenen Herzschlag nicht mehr hören konnte. Und in dieser Stille öffnete sich eine Vision vor ihr, so klar und lebendig, dass sie vergaß, dass sie in ihrem Zimmer in Mondbach stand.
Sie sah eine Stadt, strahlend und majestätisch, mit Türmen aus weißem Stein, die wie Finger zum Himmel ragten. Die Gebäude waren von einer fremdartigen, fließenden Architektur, als wären sie nicht gebaut, sondern gewachsen, organisch und doch präzise. Menschen in schimmernden Gewändern bewegten sich durch die Straßen, ihre Gesichter von einer zeitlosen Schönheit, ihre Bewegungen von einer Anmut, die nicht ganz menschlich schien.
Dies musste die Stadt der Eldara sein, von der ihr Vater in seiner Vision geschrieben hatte, die goldene Zivilisation, die vor tausend Jahren gefallen war. Aurora beobachtete fasziniert, wie die Menschen sich um einen zentralen Platz versammelten, wo ein gewaltiger Baum stand, sein Stamm silbrig und glatt, seine Äste trugen nicht Blätter, sondern winzige Lichter, die wie Sterne funkelten.
Die Vision veränderte sich, die Atmosphäre wurde drückend. Der Himmel über der Stadt verdunkelte sich, nicht wie bei aufziehenden Wolken, sondern als würde etwas das Licht selbst verschlucken. In der Mitte des dunklen Himmels erschien ein Riss, ein klaffender Spalt in der Realität, durch den eine Dunkelheit strömte, die mehr war als bloße Abwesenheit von Licht – eine aktive, lebendige Leere, die alles zu verschlingen drohte.
Die Menschen unter dem Baum blickten auf, ihre Gesichter verzerrt vor Entsetzen. Einige hoben die Hände, und Aurora sah, wie Licht von ihren Fingerspitzen ausging, silbrig wie das, das sie selbst erzeugt hatte, aber stärker, kontrollierter. Sie versuchten, den Riss zu schließen, die Dunkelheit zurückzudrängen, doch sie breitete sich aus, schneller als sie reagieren konnten.
Die Türme begannen zu fallen, einer nach dem anderen, zerbarsten wie Glas unter dem Druck der eindringenden Leere. Schreie erfüllten die Luft, Verzweiflung und Unglaube. Und am Rand des Chaos stand eine Gestalt, hochgewachsen und elegant, mit Augen, die wie Sternensplitter funkelten – der „Engel des Untergangs“, den ihr Vater beschrieben hatte.
Er streckte die Hände aus, und die Dunkelheit gehorchte ihm, formte sich zu Mustern nach seinem Willen. Sein Gesicht war von einer furchterregenden Schönheit, schmerzhaft anzusehen, wie das direkte Licht der Sonne. Und für einen Moment, einen kurzen, schrecklichen Moment, drehte er den Kopf und blickte direkt auf Aurora, als könnte er sie durch die Jahrtausende hindurch sehen, als wüsste er, dass sie Zeuge war.
Ein Lächeln huschte über seine Lippen, ein Lächeln, das sowohl Einladung als auch Warnung war. Seine Lippen formten ein Wort, das Aurora nicht hören, aber spüren konnte, ein Echo durch die Zeit:
„Bald.“
Die Vision zerbrach wie ein Spiegel, Fragmente von Bildern wirbelten um Aurora herum – der Baum mit den sternentragenden Ästen, jetzt gespalten und verbrannt; die Menschen in den schimmernden Gewändern, zu Boden gefallen oder fliehend; der Riss im Himmel, der sich weiter öffnete, eine Wunde in der Realität selbst.
Und dann sah sie etwas anderes, etwas Näheres – Mondbach, ihr Dorf, aber verändert. Die Häuser waren verlassen, die Straßen leer, und über allem schwebte ein Netz aus Rissen, wie Sprünge in einem Kristall, durch die man in eine andere Realität blicken konnte. In der Mitte des Dorfs stand die große Eiche, ihr Stamm tiefer gespalten als zuvor, und aus dem Riss quoll eine Dunkelheit, die die gleiche lebendige Qualität hatte wie die Leere, die die goldene Stadt verschlungen hatte.
Aurora versuchte zu schreien, konnte aber keinen Laut hervorbringen. Die Vision löste sich auf, das Licht implodierte, zog sich in den Kristall zurück, der nun in der Luft vor ihr schwebte, pulsierend wie ein kleines Herz.
Mit einem Keuchen kam Aurora zurück in die Realität. Sie sank auf die Knie, ihr Körper zitterte, als hätte sie eine physische Erschütterung erlebt. Der Kristall fiel neben ihr zu Boden, sein Leuchten erlosch allmählich, hinterließ einen phosphoreszierenden Nachschein in der Luft wie das Negativ eines Blitzes.
Die Kerze war erloschen, doch das Zimmer war nicht dunkel. Ein sanftes, silbriges Leuchten ging von Aurora selbst aus, von ihrer Haut, ihren Haaren, ihren Augen. Sie sah auf ihre Hände, fasziniert und erschrocken zugleich. Feine Linien aus Licht pulsierten unter ihrer Haut, folgten dem Lauf ihrer Adern, verbanden sich zu Mustern, die denen des Siegels ähnelten.
„Was habe ich getan?“, flüsterte sie, ihre Stimme klang fremd in ihren eigenen Ohren, als hätte sie lange nicht gesprochen.
Der Raum um sie herum hatte sich verändert. Subtil, fast unmerklich, aber Aurora spürte es – eine Verschiebung in der Realität, als wären die Wände etwas dünner geworden, durchlässiger für das, was dahinter lag. Die Schatten in den Ecken bewegten sich auf eine Weise, die nicht natürlich war, pulsierten im Gegentakt zu dem Licht, das von ihr ausging.
Aurora erhob sich langsam, ihre Beine zitterten. Sie sah zum Fenster und erschrak – statt des vertrauten Nachthimmels sah sie einen Wirbel aus Sternen, die sich in Mustern bewegten, die kein natürliches Phänomen erklären konnte. Und zwischen den Sternen waren Risse, haarfeine Linien aus Dunkelheit, die den Himmel durchzogen wie Sprünge in Glas.
„Die Sterne flüstern von Veränderung,“ hatte Elda gesagt. Nun glaubte Aurora zu verstehen, was sie gemeint hatte. Die Sterne bewegten sich, formten Muster, die zu ihr sprachen in einer Sprache, die sie fast, aber nicht ganz verstehen konnte.
Ein scharfes Klopfen an ihrer Tür ließ sie zusammenfahren. „Aurora?“, die Stimme ihrer Mutter, angespannt und besorgt. „Aurora, öffne die Tür!“
Aurora blickte an sich herab, sah das Leuchten, das noch immer von ihr ausging, wenn auch schwächer als zuvor. „Einen Moment“, rief sie, ihre Stimme brüchig vor Anspannung.
Sie schloss die Augen, versuchte, sich zu beruhigen, das Licht zurückzudrängen. Atme ein, atme aus. Das Kribbeln unter ihrer Haut verblasste langsam, das Leuchten ließ nach, bis nur noch ein schwacher Schimmer übrig war, kaum wahrnehmbar im Halbdunkel des Zimmers.
Mit immer noch zitternden Händen hob sie den Kristall auf, der nun kalt und leblos wirkte, und versteckte ihn in ihrer Tasche. Dann ging sie zur Tür und öffnete sie einen Spalt.
Lyra stand im Flur, ihr Gesicht bleich im Mondlicht, das durch das Fenster am Ende des Flurs fiel. Ihr Amulett pulsierte stark, der violette Stein leuchtete mit einer Intensität, die Aurora noch nie gesehen hatte.
„Was hast du getan?“, fragte Lyra, ihre Stimme war ein Flüstern, in dem Angst und Ärger sich mischten.
„Ich… ich weiß nicht, was du meinst“, log Aurora, doch sie wusste, dass es sinnlos war. Ihre Mutter konnte das schwache Leuchten sehen, das noch immer von ihrer Haut ausging, konnte die Veränderung in der Luft spüren, die elektrische Spannung, die den Raum erfüllte.
Lyra drängte sich an ihr vorbei ins Zimmer, ihr Blick fiel sofort auf das Tagebuch, das offen auf dem Boden lag. Sie bückte sich, nahm es auf, und als sie sich wieder aufrichtete, sah Aurora Tränen in ihren Augen.
„Du verstehst nicht, was du riskierst“, sagte Lyra, ihre Stimme brach. „Die Netheryn ist keine Spielerei, Aurora. Sie ist eine Kraft, die Welten formen und zerstören kann. Und jedes Mal, wenn du sie rufst, jedes Mal, wenn du sie aktivierst, werden die Schatten stärker, kommen näher.“
„Ich habe es gesehen“, sagte Aurora leise. „Die Stadt, die Türme, den Riss im Himmel. Die Leere.“
Lyra erstarrte, ihre Augen weiteten sich. „Was hast du gesehen? Genau?“
Aurora erzählte von ihrer Vision, von der goldenen Stadt und ihrem Fall, von dem Mann mit den Augen wie Sternensplitter, von dem Blick, den er ihr durch die Zeit hindurch zugeworfen hatte, von seinem Lächeln und dem Wort, das er geformt hatte: „Bald.“
Mit jedem Detail, das sie beschrieb, wurde Lyras Gesicht bleicher. Als Aurora geendet hatte, sank ihre Mutter auf die Bettkante, ihre Hände umklammerten das Tagebuch, als wäre es ein Anker in einer stürmischen See.
„Er weiß, dass du erwacht bist“, flüsterte sie. „Er hat dich gespürt, durch die Netheryn. Wie ein Leuchtfeuer in der Nacht.“
„Wer?“, fragte Aurora, obwohl sie die Antwort bereits ahnte.
„Sein Name wird nicht ausgesprochen“, sagte Lyra, ihre Stimme kaum hörbar. „Er ist die Schatten hinter den Sternen, der Flüsterer in der Dunkelheit. Er war einst einer der Größten unter den Eldara, ein Meister der Netheryn. Aber er öffnete Türen, die verschlossen bleiben sollten, sah Dinge, die kein sterbliches Auge sehen sollte.“
Aurora dachte an die furchterregende Schönheit des Mannes, an die Art, wie die Dunkelheit sich seinen Befehlen gebeugt hatte, an das Wissen in seinen Augen, alt und kalt wie die Sterne selbst.
„Was will er?“, fragte sie.
„Das Siegel brechen“, antwortete Lyra. „Das letzte Hindernis entfernen, das die Leere noch abhält. Er glaubt, dass Chaos und Zerstörung notwendig sind, um eine neue, perfektere Welt zu erschaffen. Er nennt es ‚das chaotische Paradies‘.“
Aurora erinnerte sich an die Worte ihres Vaters im Tagebuch, an seine Besorgnis über die wachsenden Risse, an seine verzweifelten Versuche, das Siegel zu stärken.
„Und Vater? Was ist mit ihm geschehen?“
Lyra schloss die Augen, ein Ausdruck tiefen Schmerzes huschte über ihr Gesicht. „Er opferte sich, um das Siegel zu erneuern. Er wusste, dass es schwächer wurde, dass die Leere durchzubrechen drohte. Also nutzte er die stärkste Form der Netheryn-Bindung – ein Seelensiegel.“
„Er ist tot?“, fragte Aurora, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch.
„Nicht tot“, sagte Lyra langsam. „Nicht ganz. Er ist… jenseits. Teil des Siegels geworden. Weder hier noch dort.“
Eine Stille breitete sich im Raum aus, schwer von ungesagten Dingen. Aurora dachte an ihren Vater, den sie kaum gekannt hatte, der nun in einem Zustand zwischen Leben und Tod existierte, gebunden an eine kosmische Kraft, die sie gerade erst zu verstehen begann.
„Warum hast du mir das nie erzählt?“, fragte sie schließlich, ein Anflug von Bitterkeit in ihrer Stimme.
„Um dich zu schützen“, antwortete Lyra einfach. „Die Netheryn fließt stark in dir, stärker als in irgendjemand anderem seit Generationen. Dein Vater wusste es, ich wusste es. Und Er weiß es auch. Deshalb halten wir dich verborgen, deshalb haben wir dich in Unwissenheit gelassen – weil dein Wissen, deine Aktivierung der Netheryn, wie ein Leuchtfeuer ist, das Ihn zu dir führt.“
Aurora sah zum Fenster, wo der unnatürliche Sternentanz langsam abklang, der Himmel kehrte zu seinem normalen Zustand zurück. Aber die Risse waren noch da, feine Linien aus Dunkelheit zwischen den Sternen.
„Es ist zu spät, oder?“, fragte sie leise. „Er weiß bereits von mir.“
Lyra nickte langsam. „Ja. Und er wird kommen, früher oder später. Die Schatten werden stärker werden, die Risse zahlreicher. Die Leere drängt gegen das Siegel, und es schwächelt bereits.“
Aurora berührte unbewusst das Amulett an ihrem Hals, das Elda ihr gegeben hatte. „Elda wusste es auch“, sagte sie, keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Elda weiß mehr, als sie je sagt“, bestätigte Lyra. „Sie war schon hier, als dein Vater und ich nach Mondbach kamen. Sie hat Zyklen kommen und gehen sehen, mehr als jeder andere.“
Aurora versuchte, die Informationen zu verarbeiten, die neuen Erkenntnisse mit den Fragmenten zu verbinden, die sie bereits besaß. Ihr Vater, gebunden an ein kosmisches Siegel. Ihre eigene Verbindung zur Netheryn, stärker als gewöhnlich. Die Schatten, die nach ihr suchten, angeführt von einem Wesen von unvorstellbarer Macht und Schönheit.
„Was passiert jetzt?“, fragte sie schließlich.
Lyra stand auf, das Tagebuch fest an ihre Brust gedrückt. „Wir müssen vorbereitet sein. Deine Aktivierung der Netheryn wird nicht unbemerkt bleiben. Er wird seine Diener schicken, vielleicht ist er selbst schon näher, als wir ahnen.“ Sie sah aus dem Fenster, ihr Blick folgte den Rissen zwischen den Sternen. „Wir müssen mit Elda sprechen. Sie wird wissen, was zu tun ist.“
Aurora nickte, ein neues Gefühl der Entschlossenheit stieg in ihr auf. Die Furcht war noch da, aber sie wurde überlagert von etwas Stärkerem – dem Wunsch zu verstehen, zu lernen, sich dem zu stellen, was auf sie zukam.
„Und die Netheryn?“, fragte sie. „Werde ich lernen, sie zu kontrollieren?“
Lyra zögerte, ein Konflikt war deutlich in ihrem Gesicht zu lesen. Schließlich seufzte sie. „Ja. Du musst lernen, sie zu kontrollieren, oder sie wird dich kontrollieren. Aber Aurora…“ Sie griff nach der Hand ihrer Tochter, drückte sie fest. „Versprich mir, dass du nie wieder allein experimentierst. Die Netheryn ist mächtiger, als du ahnst, und gefährlicher. Ohne richtige Anleitung könnte sie dich verzehren, oder schlimmer noch, dich zu einer Tür machen, durch die die Leere hereinströmen kann.“
Aurora dachte an die überwältigende Kraft, die sie gespürt hatte, an die Art, wie sie ihr entglitten war, wie sie eigene Wege gegangen war, jenseits ihrer Kontrolle. Sie dachte an die Risse im Himmel, an die Schatten, die sich bewegten, als wären sie lebendig.
„Ich verspreche es“, sagte sie ernst.
Lyra nickte, sichtlich erleichtert. „Morgen gehen wir zu Elda. Es wird Zeit, dass du mehr erfährst, dass du verstehst, was auf dem Spiel steht.“ Sie wandte sich zur Tür, hielt dann inne und drehte sich noch einmal um. „Versuche zu schlafen, Aurora. Die Netheryn hat viel von deiner Kraft genommen, mehr als du jetzt spürst. Die Erschöpfung wird dich bald einholen.“
Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, fühlte Aurora eine bleierne Müdigkeit in ihren Gliedern, eine Schwere, die sie vorher nicht bemerkt hatte. Die Aufregung und das Adrenalin hatten sie wach gehalten, doch nun, da die Anspannung nachließ, drohte die Erschöpfung sie zu überwältigen.
Sie nickte müde, und ihre Mutter verließ den Raum, nahm das Tagebuch mit. Aurora sank auf ihr Bett, zu erschöpft, um sich auszuziehen. Der kleine Kristall lag noch in ihrer Tasche, kalt und tot, alle Magie aus ihm gewichen. Sie nahm ihn heraus, betrachtete ihn im schwachen Mondlicht, das durch das Fenster fiel.
Würde sie jemals wieder diese Macht spüren, diese grenzenlose Möglichkeit? Würde sie lernen, die Netheryn zu kontrollieren, sie zu lenken, anstatt von ihr überwältigt zu werden?
Und würde sie Ihm begegnen, dem Mann mit den Augen wie Sternensplitter, dessen Lächeln sowohl Einladung als auch Warnung war? War es wirklich zu spät, sich zu verstecken, sich in Unwissenheit zu hüllen?
Mit diesen Fragen glitt Aurora in einen unruhigen Schlaf, geplagt von Träumen von fallenden Türmen und Rissen im Himmel, durch die eine Dunkelheit strömte, die alles zu verschlingen drohte. Und durch diese Träume hallte ein Wort, ein Versprechen oder eine Drohung, geformt von Lippen, die wie Marmor und Mondlicht waren:
„Bald.“

KAPITEL 3
DER RUF DES WALDES
Aurora erwachte mit einem Gefühl feiner Nadeln unter ihrer Haut, ein unaufhörliches Kribbeln, das durch ihren Körper pulsierte wie der Nachhall eines Liedes, das nicht verstummen wollte. Das Morgenlicht fiel durch das kleine Fenster ihres Zimmers, malte goldene Rechtecke auf die Holzdielen, doch selbst das alltägliche Sonnenlicht schien heute anders – intensiver, lebendiger, als könnte sie die einzelnen Lichtstrahlen sehen, die durch die Luft tanzten wie winzige, leuchtende Wesen.
Sie setzte sich auf, ihr Kopf dröhnte mit einem dumpfen Schmerz, der hinter ihren Augen pulsierte. Die Ereignisse der vergangenen Nacht kamen in Fragmenten zurück, wie Scherben eines zerbrochenen Spiegels – das Ritual, der Kristall, das Leuchten, die Vision der goldenen Stadt und der fallenden Türme. Und dann das Gesicht, das furchterregend schöne Gesicht mit den Augen wie Sternensplitter, das sie durch die Jahrtausende hinweg angesehen hatte.
„Bald„, flüsterte Aurora, das Wort hing in der Luft wie ein Versprechen oder eine Drohung.
Sie stand auf und ging zum Spiegel, der an der Wand neben ihrer Kommode hing. Ihr Gesicht war blasser als gewöhnlich, mit dunklen Schatten unter den Augen, aber es waren ihre Augen selbst, die sie erschreckten – der violette Schimmer, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte, war intensiver geworden, als hätte sich ein Stern darin verfangen. Und wenn sie genau hinsah, meinte sie, winzige silbrige Linien unter ihrer Haut pulsieren zu sehen, die dem Muster des Siegels im Tagebuch ähnelten.
Aurora berührte ihr Gesicht, halb erwartend, dass ihre Finger auf etwas Fremdes treffen würden, doch ihre Haut fühlte sich normal an – warm, lebendig, menschlich. Nur das Kribbeln blieb, eine ständige Erinnerung daran, dass etwas in ihr erwacht war, etwas, das nicht mehr zurückgedrängt werden konnte.
Das Haus war still, als sie die Treppe hinabstieg. Ihre Mutter war bereits fort, wahrscheinlich zu Elda, um über die Ereignisse der letzten Nacht zu sprechen, über Auroras Erwachen, über die Netheryn, die wie ein Leuchtfeuer durch die Nacht geleuchtet hatte. Ein Teller mit Brot und Käse stand auf dem Tisch, daneben eine Tasse mit kaltem Tee und eine kurze Notiz in Lyras präziser Handschrift:
Ich bin bei Elda. Bleib im Haus. Wir müssen reden, wenn ich zurückkomme.
„Bleib im Haus“, murmelte Aurora, ein Anflug von Trotz stieg in ihr auf. Nach allem, was geschehen war, nach allem, was sie gesehen und gefühlt hatte, sollte sie einfach warten, gehorsam wie ein Kind? Die Netheryn pulsierte in ihr, stärker jetzt, reagierte auf ihre wachsende Ungeduld, das Kribbeln in ihren Fingern intensivierte sich zu einem warmen Glühen.
Sie aß hastig, mehr aus Notwendigkeit als aus Hunger, und ging dann im Zimmer auf und ab, unfähig, stillzusitzen. Die Wände des Hauses schienen sich um sie zu verengen, die Luft wurde dichter, drückender, als würde die Netheryn in ihr nach Raum verlangen, nach Freiheit.
„Kontrolle“, sagte Aurora zu sich selbst, erinnerte sich an die Warnungen ihres Vaters im Tagebuch. „Intention und Visualisierung, nicht rohe Emotion.“
Sie schloss die Augen, atmete tief durch, konzentrierte sich auf das Gefühl des Pulsierens in ihrem Körper. Langsam, mit behutsamer Intention, lenkte sie es, formte es, wie ihr Vater es beschrieben hatte – nicht durch Unterdrückung, sondern durch Führung, wie man einen wilden Fluss nicht aufhalten, sondern in neue Bahnen lenken kann.
Das Kribbeln beruhigte sich zu einem sanfteren Summen, einer Präsenz, die immer noch da war, aber weniger drängend. Aurora öffnete die Augen und sah, dass das Licht im Raum sich verändert hatte – es war weicher geworden, diffuser, als würde es durch einen feinen Nebel scheinen. Draußen zogen Wolken vor die Sonne, tauchten das Dorf in ein gedämpftes Grau.
Aurora ging zum Fenster und blickte hinaus. Der Himmel war mit schweren Wolken bedeckt, ungewöhnlich für diese Jahreszeit, als hätte sich das Wetter über Nacht dramatisch verändert. Kleine Grüppchen von Dorfbewohnern standen auf dem Platz zusammen, schauten besorgt zum Himmel. Sie konnte ihre Stimmen nicht hören, aber ihre Gesten sprachen von Unruhe, von Unbehagen.
Gareth, der Schmied, zeigte auf etwas in der Ferne, und alle drehten sich in die Richtung. Aurora folgte seinem Blick und sah es – am Horizont, wo der Wald die Hügel hinaufkroch, hing ein seltsamer Dunst in der Luft, nicht wie Nebel oder Rauch, sondern etwas Unnatürlicheres, das in wechselnden Farben schillerte, wie ein Ölfilm auf Wasser.
Etwas in diesem Anblick zog an ihr, rief sie, ein Echo des Rufes, den sie in der Nacht gespürt hatte, als die Netheryn in ihr erwacht war. Ohne bewusste Entscheidung fand Aurora sich an der Tür wieder, ihre Hand auf der Klinke, ihr Körper sehnte sich danach, hinauszugehen, den seltsamen Dunst zu untersuchen, dem Ruf zu folgen, der immer lauter in ihr widerhallte.
„Bleib im Haus“, wiederholte sie die Worte ihrer Mutter, doch sie klangen hohl, bedeutungslos angesichts des Drängens, das sie spürte.
Eine plötzliche Klarheit durchflutete sie – sie würde nicht warten. Sie würde nicht passiv bleiben, während andere über ihr Schicksal entschieden, während die Netheryn in ihr nach Ausdruck verlangte, während der Ruf des Waldes immer stärker wurde.
Aurora nahm ihren Umhang von der Hakenleiste neben der Tür, ein praktisches Kleidungsstück aus grober Wolle, das sie bei ihren Streifzügen durch die Wälder trug. Sie steckte den Kristall, nun kalt und leblos, in die Tasche des Umhangs, zusammen mit einem kleinen Beutel getrockneter Früchte, den sie aus der Küche nahm. Dann schlüpfte sie zur Tür hinaus, in den kühlen, wolkenverhangenen Tag.
Die Luft draußen schmeckte anders – metallisch, elektrisch, wie vor einem Gewitter, aber ohne die schwere Feuchtigkeit, die Stürme normalerweise ankündigte. Aurora zog die Kapuze ihres Umhangs tief ins Gesicht, um nicht erkannt zu werden, und hielt sich am Rand des Dorfplatzes, wo die Schatten der Häuser ihr Deckung boten.
Die Dorfbewohner waren zu beschäftigt mit dem seltsamen Phänomen am Himmel, um auf das Mädchen zu achten, das sich wie ein Schatten zwischen den Gebäuden bewegte. Aurora erreichte unbemerkt den Pfad, der zum Waldrand führte, dort, wo die große Eiche mit dem Riss stand.
Als sie sich dem Baum näherte, spürte sie, wie das Kribbeln in ihrem Körper stärker wurde, ein rhythmisches Pulsieren, das mit jedem Schritt intensiver wurde. Die große Eiche ragte vor ihr auf, ihr gewaltiger Stamm vom Riss durchzogen, der im trüben Licht des wolkenverhangenen Tages tiefer und dunkler wirkte als je zuvor.
Aurora legte ihre Hand auf die raue Rinde neben dem Riss, und sofort floss die Wärme der Netheryn durch ihre Finger, in den Baum hinein, als würde eine Verbindung hergestellt, eine Brücke zwischen ihrem erwachten Bewusstsein und dem uralten Holz. Der Riss begann zu leuchten, ein schwaches, silbriges Schimmern, das von innen zu kommen schien, als hätte der Baum selbst eine eigene Form der Netheryn in sich.
„Was bist du?“, flüsterte Aurora, ihre Stimme kaum hörbar über dem Rauschen der Blätter im aufkommenden Wind.
Als Antwort spürte sie ein Pulsieren unter ihren Fingern, ein rhythmisches Klopfen, wie das Schlagen eines Herzens tief im Inneren des Baumes. Und mit jedem Schlag schien der Riss sich minimal zu weiten, das silbrige Leuchten intensiver zu werden.
Aurora trat einen Schritt zurück, unsicher, ob sie das, was sie gerade in Gang gesetzt hatte, fortsetzen sollte. Doch bevor sie eine Entscheidung treffen konnte, brach ein Sonnenstrahl durch die Wolken, ein einzelner, fokussierter Lichtspeer, der direkt auf den leuchtenden Riss in der Eiche fiel.
Der Effekt war unmittelbar und atemberaubend. Wo das Sonnenlicht den Riss traf, explodierte förmlich ein Strahl aus silbrigem Licht, schoss in den Himmel wie ein umgekehrter Blitz, zerriss die Wolkendecke und offenbarte für einen Moment etwas Anderes dahinter – einen Himmel, der nicht der vertraute blaue Himmel von Mondbach war, sondern etwas Fremdartiges, erfüllt von wirbelnden Lichtern und schwebenden Fragmenten von etwas, das aussah wie zerbrochene Kristalle.
Der Moment dauerte nur einen Atemzug, dann schloss sich die Wolkendecke wieder, und der Lichtstrahl erlosch. Doch der Riss in der Eiche leuchtete weiter, pulsierte im Rhythmus von Auroras Herzschlag, und von ihm aus breitete sich ein Netzwerk aus feinen, leuchtenden Linien über den Boden aus, wie Wurzeln aus Licht, die sich in alle Richtungen erstreckten, bis tief in den Wald hinein.
Aurora stand wie erstarrt, ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Was sie gerade gesehen hatte, war nicht von dieser Welt gewesen, war etwas, das jenseits ihres Verständnisses lag. Und doch spürte sie eine tiefe, instinktive Vertrautheit damit, als hätte ein Teil von ihr immer gewusst, dass es dort war, jenseits des Schleiers der gewöhnlichen Realität.
Die leuchtenden Linien am Boden pulsierten einladend, schienen ihr zu zurufen, ihnen zu folgen, tiefer in den Wald, zu etwas, das auf sie wartete. Aurora zögerte nur einen Moment, dann setzte sie einen Fuß auf eine der Linien, und sofort verstärkte sich das Leuchten, das Kribbeln in ihrem Körper antwortete mit einem warmen Pulsieren, als hätte sie eine Verbindung geschlossen, einen Stromkreis komplettiert.
Mit wachsender Entschlossenheit begann Aurora, der leuchtenden Linie zu folgen, die sich vor ihr wie ein Pfad aus flüssigem Silber durch das Unterholz schlängelte. Die Bäume um sie herum schienen dichter zu werden, ihre Äste verschlungen wie in einem uralten, unberührten Wald, obwohl sie den Wald um Mondbach gut kannte und wusste, dass er nicht so dicht sein sollte, nicht so alt.
Das Licht veränderte sich, wurde diffuser, als würde es durch Wasser scheinen. Die Luft fühlte sich dicker an, widerstandsfähiger gegen ihre Bewegungen, und Geräusche erreichten ihr Ohr gedämpft, als kämen sie aus einer großen Entfernung. Aurora hatte das Gefühl, zwischen zwei Welten zu wandeln, nicht ganz in der vertrauten Realität von Mondbach, aber auch nicht vollständig in jener anderen Welt, die sie für einen Moment durch den Riss im Himmel gesehen hatte.
Sie wusste nicht, wie lange sie gewandert war – Minuten oder Stunden, die Zeit schien ihre Bedeutung verloren zu haben – als sie eine Lichtung erreichte, wo mehrere der leuchtenden Linien zusammenliefen. In der Mitte der Lichtung stand ein Kreis aus sieben Steinen, jeder mannshoch und mit Symbolen bedeckt, die dem Siegel in ihres Vaters Tagebuch ähnelten. Das silbrige Licht sammelte sich hier, floss zwischen den Steinen wie Wasser, bildete komplexe, sich ständig verändernde Muster auf dem Waldboden.
Aurora trat in den Steinkreis, fühlte sofort, wie die Netheryn in ihr stärker wurde, resonierte mit dem Ort, als wäre er ein Verstärker für diese Kraft, ein Fokuspunkt. Die Luft innerhalb des Kreises vibrierte mit einer Energie, die ihre Haare zu Berge stehen ließ, ihre Haut kribbeln ließ wie von tausend winzigen elektrischen Schlägen.
In der Mitte des Kreises befand sich ein Podest aus dem gleichen Stein wie die umgebenden Monolithen, und darauf lag etwas, das im pulsierenden Licht schimmerte – ein Kristall, größer als der, den Aurora bei sich trug, mit einer komplexeren Struktur, als wären mehrere Kristalle zu einer einzigen, größeren Formation verschmolzen.
Aurora näherte sich langsam, ihre Hand ausgestreckt, die Finger zitterten leicht vor Aufregung. Der Kristall pulsierte im gleichen Rhythmus wie ihr Herzschlag, als wären sie bereits verbunden, als hätte er auf sie gewartet. Als ihre Fingerspitzen den kühlen, facettierten Stein berührten, durchfuhr sie ein Schauer, eine Welle aus Wärme und Licht, die von ihrer Hand durch ihren ganzen Körper floss, jede Zelle mit Energie erfüllte.
Der Kristall begann zu leuchten, stärker und stärker, bis sein Licht Aurora blendete und sie die Augen schließen musste. Und in dieser selbstgeschaffenen Dunkelheit hörte sie zum ersten Mal die Stimme der Netheryn – nicht in Worten, sondern in Bildern, Gefühlen, Eindrücken, die durch ihren Geist strömten wie ein Fluss aus lebendigem Licht.
Sie sah die gleiche goldene Stadt wie in ihrer Vision, aber diesmal nicht in ihrem Untergang, sondern in ihrer Blüte – strahlend, majestätisch, erfüllt von Wesen, deren Körper aus Licht zu bestehen schienen, die sich durch die Straßen bewegten wie Sterne am Nachthimmel. Sie sah den großen Baum auf dem zentralen Platz, seine Äste trugen nicht nur Licht, sondern auch Früchte aus reiner Energie, die geerntet wurden von den Lichtwesen, die sich um den Baum versammelten.
Und sie sah sich selbst, oder jemanden, der ihr ähnlich sah, in einem schimmernden Gewand, der unter dem Baum stand, die Hände erhoben in einer Geste, die sowohl Segen als auch Beschwörung war. Um diese Gestalt herum floss die Netheryn in komplizierten Mustern, formte Strukturen aus Licht und Kraft, die sich in die Realität selbst einwoben, sie stärkten, stabilisierten.
Die Vision veränderte sich, zeigte eine Folge von Bildern, zu schnell, um sie einzeln zu erfassen – Krieg, Frieden, Zerstörung, Erneuerung, ein endloser Zyklus, der immer wieder zu seinem Ausgangspunkt zurückzukehren schien. Und durch all dies zog sich ein roter Faden, eine Konstante – das Siegel, das Muster aus verbundenen Linien und Knotenpunkten, das Aurora aus dem Tagebuch kannte.
Dann, plötzlich, kehrte die Vision zur gegenwärtigen Realität zurück, aber verändert – sie zeigte Mondbach, doch über dem Dorf hing der gleiche unnatürliche Dunst, den Aurora am Horizont gesehen hatte, dichter jetzt, bedrohlicher. Und aus diesem Dunst formten sich Gestalten, Schemen ohne feste Form, die durch die Straßen glitten, nach etwas suchten. Nach ihr.
Aurora öffnete die Augen mit einem Keuchen, der Kristall fiel aus ihrer Hand und rollte über das Podest, hinterließ eine Spur aus Licht, die langsam verblasste. Der Steinkreis um sie herum pulsierte stärker, die Symbole auf den Monolithen leuchteten auf, als würden sie auf eine unsichtbare Bedrohung reagieren.
Und dann spürte sie es – eine Präsenz am Rand der Lichtung, eine Dunkelheit, die tiefer war als der Schatten der Bäume, eine Kälte, die nicht von dieser Welt war. Aurora drehte sich langsam um, und dort, zwischen zwei der großen Steine, stand eine Gestalt, formlos und doch mit einer schrecklichen Bestimmtheit, ein Wesen aus Schatten und Leere, das sie mit Augen betrachtete, die keine Augen waren, sondern Abwesenheiten von Licht.
„Aurora“, sagte das Wesen, oder vielleicht war es nur ein Gedanke in ihrem eigenen Kopf, eine Stimme, die direkt in ihrem Bewusstsein widerhallte. „Endlich wach.“
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Dies musste eines der Schattenwesen sein, vor denen Elda sie gewarnt hatte, ein Bote der Leere, wie ihr Vater sie in seinem Tagebuch beschrieben hatte. Und es kannte ihren Namen.
Aurora wich zurück, bis sie das Steinpodest in ihrem Rücken spürte. Die Netheryn in ihr reagierte auf ihre Furcht, pulsierte stärker, das Kribbeln in ihren Fingern wurde zu einem Brennen, als würde Feuer durch ihre Adern fließen.
„Wer bist du?“, fragte sie, ihre Stimme zitterte leicht, aber sie bemühte sich, stark zu klingen, furchtlos.
Das Wesen gab keine Antwort, sondern bewegte sich auf sie zu, glitt über den Boden wie ein Schatten, der von keiner physischen Präsenz geworfen wurde. Wo es den Boden berührte, erloschen die leuchtenden Linien, als würde es das Licht selbst verzehren.
Aurora spürte, wie die Panik in ihr aufstieg, die Netheryn reagierte, wurde wilder, unkontrollierter. Sie erinnerte sich an die Warnung ihres Vaters – starke Emotionen konnten die Netheryn unkontrolliert ausbrechen lassen, einen gefährlichen Kreislauf schaffen. Sie versuchte, sich zu beruhigen, zu fokussieren, doch die Furcht war zu stark, zu überwältigend.
„Lass mich in Ruhe!“, rief sie, und mit diesen Worten brach die Netheryn aus ihr heraus, ein Sturm aus silbrigem Licht, der sich in alle Richtungen ausbreitete, die Luft selbst zum Vibrieren brachte, die Realität veränderte. Die Steine des Kreises leuchteten auf, antworteten auf den Ausbruch mit eigener Energie, verstärkten ihn, lenkten ihn.
Der Lichtstrahl traf das Schattenwesen, das zurückwich mit einem stummen Schrei, den Aurora mehr spürte als hörte, eine Welle aus Kälte und Entsetzen, die durch den Steinkreis rollte. Doch die Netheryn floss weiter, unkontrolliert nun, verstärkt durch Auroras Furcht und die Energie des Ortes, ein Sturm aus reiner Kraft, der sich nicht mehr bändigen ließ.
Aurora konnte spüren, wie sie die Kontrolle verlor, wie die Netheryn ihren eigenen Willen entwickelte, getrieben von ihren chaotischen Emotionen. Der Ausbruch wuchs, breitete sich aus, ein Licht so intensiv, dass es die Welt selbst zu verblassen schien, zu zittern, als würde die Realität unter der Belastung dieser fremden Energie nachgeben.
Die Steine des Kreises begannen zu vibrieren, zuerst leicht, dann stärker, bis die Erde selbst zu beben schien. Aurora konnte fühlen, wie die Netheryn durch sie hindurchfloss, in die Welt hinaus, unkontrolliert und wild. Es war zu viel, zu stark. Ihre Vision verschwamm, ihre Knie gaben nach, und sie sank zu Boden, überwältigt von der Kraft, die sie entfesselt hatte.
Das letzte, was sie sah, bevor die Welt um sie herum in einem Blitz aus purem Licht versank, war das Schattenwesen, das sich zurückzog, sich auflöste, aber nicht vor Furcht, sondern mit einer Geste, die fast wie Triumph wirkte, als hätte es genau das erreicht, was es wollte.
Dann war da nur noch Licht, blendend und allumfassend, und Aurora fiel in eine Dunkelheit jenseits des Lichts, jenseits des Bewusstseins, getragen auf einer Welle aus reiner, ungezügelter Netheryn.
Aurora erwachte zu dem Gefühl fallender Regentropfen auf ihrem Gesicht. Sie öffnete die Augen zu einem grauen Himmel, der durch das Blätterdach über ihr sichtbar war. Der Steinkreis war verschwunden, oder vielleicht war sie es, die sich bewegt hatte. Die leuchtenden Linien auf dem Waldboden waren erloschen, die silbrigen Muster verschwunden, als hätten sie nie existiert.
Sie setzte sich mühsam auf, jeder Muskel in ihrem Körper schmerzte, als hätte sie tagelang schwere Lasten getragen. Ihre Kleidung war zerrissen und versengt, als wäre sie einem Feuer zu nahe gekommen, und ihre Hände zitterten unkontrollierbar. Das Kribbeln der Netheryn war noch da, aber schwächer jetzt, erschöpft von dem gewaltigen Ausbruch, der sie überwältigt hatte.
Aurora blickte sich um, versuchte, sich zu orientieren. Der Wald um sie herum wirkte fremd, dichter und älter als der vertraute Wald um Mondbach. Die Bäume waren höher, ihre Stämme knorriger, mit Moos und Flechten bedeckt, die in unnatürlichen Mustern wuchsen, fast wie Schriftzeichen einer vergessenen Sprache. Die Luft war erfüllt vom Duft feuchter Erde und etwas Anderem, etwas Älterem, das sie nicht benennen konnte.
Sie versuchte aufzustehen, doch ihre Beine gaben nach, und sie fiel zurück auf den feuchten Waldboden. Der Regen verstärkte sich, ein stetiges Prasseln auf den Blättern über ihr, ein rhythmisches Trommeln, das seltsam beruhigend wirkte nach dem Chaos des Netheryn-Ausbruchs.
„Was habe ich getan?“, flüsterte Aurora, obwohl niemand da war, der sie hören konnte. Die Erinnerung kam in Fragmenten zurück – der leuchtende Riss in der Eiche, der Pfad aus Licht, der Steinkreis und der Kristall, die Vision der goldenen Stadt, und dann das Schattenwesen, die Furcht, der unkontrollierte Ausbruch der Netheryn.
Sie musste zurück nach Mondbach, musste ihre Mutter finden, Elda, jemanden, der ihr helfen konnte zu verstehen, was geschehen war. Doch sie hatte keine Ahnung, in welcher Richtung das Dorf lag. Der Wald um sie herum war ein Labyrinth aus identischen Bäumen, ohne erkennbaren Pfad, ohne Orientierungspunkte, die sie kannte.
Mit zitternden Händen durchsuchte sie die Taschen ihres zerrissenen Umhangs. Der kleine Kristall, den sie mitgebracht hatte, war verschwunden, verloren im Chaos des Ausbruchs. Der Beutel mit den getrockneten Früchten war noch da, wenn auch durchnässt vom Regen. Sie nahm eine der Früchte heraus, biss hinein, spürte, wie etwas Kraft in ihren erschöpften Körper zurückkehrte.
Als sie den Blick hob, erstarrte sie. Zwischen den Bäumen, kaum zwanzig Schritte entfernt, stand eine Gestalt, hochgewachsen und schlank, in einen langen, dunklen Mantel gehüllt, dessen Saum sich im Wind bewegte, obwohl Aurora keinen Wind spüren konnte. Das Gesicht der Gestalt war verborgen im Schatten einer tief gezogenen Kapuze, doch Aurora spürte den Blick, der auf ihr ruhte, intensiv und durchdringend.
„Wer ist da?“, rief sie, ihre Stimme klang dünn und brüchig in der dämmrigen Stille des Waldes.
Die Gestalt neigte leicht den Kopf, eine Geste, die sowohl Anerkennung als auch Beurteilung sein konnte. Dann hob sie eine Hand – eine schlanke, blasse Hand, die im diffusen Licht fast zu leuchten schien – und deutete in eine Richtung, weg von Aurora, tiefer in den Wald.
„Ich will nicht tiefer in den Wald“, sagte Aurora, ein Anflug von Trotz in ihrer Stimme trotz der Erschöpfung. „Ich muss zurück nach Mondbach. Zu meiner Mutter.“
Die Gestalt blieb reglos, die Hand noch immer ausgestreckt, zeigend. Etwas an ihrer Haltung, an der Art, wie sie dort stand, unbewegt und doch voller Absicht, ließ Aurora zögern. War dies ein Feind? Ein Bote der Leere, wie das Schattenwesen? Oder war es ein Führer, jemand, der ihr helfen wollte, einen Weg durch diesen fremden Wald zu finden?
Die Netheryn in ihr war schwach, erschöpft, aber sie pulsierte leicht, als würde sie auf die Präsenz der Gestalt reagieren, nicht mit Furcht, sondern mit einer Art Wiedererkennen. Aurora schloss die Augen, versuchte, auf dieses Gefühl zu hören, diese tiefere Intuition, die jenseits der Worte und des rationalen Denkens lag.
Folge ihm.
Die Worte kamen nicht von außen, sondern aus ihrem Inneren, eine Stimme, die sowohl ihre eigene als auch etwas Anderes war. Aurora öffnete die Augen, sah die wartende Gestalt an. Etwas an ihr kam ihr seltsam vertraut vor, wie ein Gesicht, das man aus einem Traum kennt, doch nicht genau platzieren kann.
Mit einem tiefen Atemzug raffte Aurora alle verbliebene Kraft zusammen und erhob sich wankend. Ihre Beine zitterten, aber sie hielten sie. Sie machte einen Schritt in Richtung der Gestalt, dann einen weiteren. Der Fremde wartete, bis sie näher kam, dann wandte er sich um und begann, sich durch den Wald zu bewegen, in einem Tempo, das langsam genug war, dass Aurora ihm trotz ihrer Erschöpfung folgen konnte.
Sie gingen schweigend, die einzigen Geräusche waren das Rascheln der Blätter unter ihren Füßen und das stetige Trommeln des Regens auf dem Blätterdach. Die Bäume schienen sich vor ihnen zu öffnen, einen Weg zu bilden, der vorher nicht da gewesen war. Und während sie tiefer in den Wald vordrangen, begann Aurora zu bemerken, dass er sich veränderte – die Bäume wurden jünger, weniger knorrig, das Unterholz lichter. Der fremdartige Wald ging über in den vertrauten Wald von Mondbach, als hätten sie eine unsichtbare Grenze überschritten.
Schließlich blieb der Fremde stehen und deutete nach vorn, wo Aurora zwischen den Bäumen das schwache Glimmen von Lichtern erkennen konnte – die ersten Häuser von Mondbach. Sie hatte sich in einem weiten Bogen bewegt und näherte sich dem Dorf nun von der anderen Seite, weit entfernt von der großen Eiche, von der sie aufgebrochen war.
„Danke“, sagte Aurora, drehte sich zu ihrem stillen Führer um. „Wer bist du?“
Die Gestalt hob die Hände und zog langsam die Kapuze zurück. Das Gesicht, das zum Vorschein kam, ließ Aurora nach Luft schnappen. Es war das Gesicht eines Mannes, nicht alt, aber zeitlos, mit scharfen, eleganten Zügen und Augen, die im Dämmerlicht silbrig schimmerten. Sein Haar war von einem so tiefen Silbergrau, dass es fast weiß erschien, mit einzelnen schwarzen Strähnen durchzogen. Es war ein Gesicht, das Aurora nie zuvor gesehen hatte, und doch lag etwas Bekanntes darin, etwas, das ein Echo in ihrem Inneren fand.
„Ich bin Eldric“, sagte der Mann, seine Stimme war tief und melodisch, mit einem Akzent, den Aurora nicht einordnen konnte. „Und du, Aurora, stehst am Beginn eines Pfades, den du nicht allein beschreiten solltest.“
„Woher kennst du meinen Namen?“, fragte Aurora, einen Schritt zurücktretend.
Ein Lächeln huschte über Eldrics Gesicht, ein Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. „Ich kenne viele Namen, Aurora Sternentochter. Deinen. Den deiner Mutter, Lyra Nebelweber. Den deines Vaters, Alaric, der ins Nichts ging, um das Siegel zu stärken.“
Aurora starrte ihn an, spürte, wie ihr Herz schneller schlug. „Du kennst meinen Vater?“
„Kannte“, korrigierte Eldric sanft. „Wie ich viele kannte, die nicht mehr sind, wie sie waren.“ Seine Augen schienen in die Ferne zu schauen, durch Aurora hindurch, zu einem Ort oder einer Zeit, die sie nicht sehen konnte. „Die Netheryn erwacht in dir, Aurora. Stark und ungezähmt. Ich habe den Ausbruch gespürt, über viele Meilen hinweg. Wie ein Leuchtfeuer in der Nacht.“
„Du weißt von der Netheryn?“, fragte Aurora, ein Funke Hoffnung flammte in ihr auf. Hier war endlich jemand, der Antworten hatte, der die Dinge verstand, die sie gerade erst zu begreifen begann.
„Mehr als das“, sagte Eldric, und für einen Moment flackerte etwas in seinen Augen, ein dunkler Schatten, der kam und ging, zu schnell, um ihn zu erfassen. „Ich kann dir helfen, sie zu verstehen, sie zu kontrollieren. Bevor sie dich verzehrt. Bevor Er dich findet.“
Aurora schluckte, dachte an den Mann mit den Augen wie Sternensplitter aus ihrer Vision, an sein Lächeln, an das Wort, das er geformt hatte: „Bald.“
„Er hat mich bereits gefunden“, sagte sie leise. „In einer Vision. Er sah mich.“
Eldric trat einen Schritt näher, seine Bewegungen waren fließend, katzenhaft, mit einer Anmut, die nicht ganz menschlich wirkte. „Dann haben wir wenig Zeit. Die Schatten werden sich bewegen, schneller nun. Sie werden nach dir suchen, dich zu ihm bringen wollen.“
„Wie das Schattenwesen im Wald?“, fragte Aurora, die Erinnerung an die formlose Gestalt ließ sie erschaudern.
Eldric nickte, sein Blick wurde schärfer, fokussierter. „Du bist ihm begegnet? Einem Wandelnden Schatten?“
„Im Steinkreis“, antwortete Aurora. „Es… es kannte meinen Namen. Und dann brach die Netheryn aus mir heraus, unkontrolliert. Ich konnte sie nicht aufhalten.“
„Die Kraft der Netheryn wird von Emotionen genährt“, sagte Eldric, seine Stimme war nun leiser, lehrhafter. „Furcht, Wut, Freude – sie sind wie Brennstoff für ein Feuer. Ohne Kontrolle, ohne Fokus, brennt sie wild und verzehrt alles, auch dich selbst.“
Aurora dachte an das überwältigende Gefühl, als die Netheryn aus ihr herausgebrochen war, die Art, wie sie jede Kontrolle verloren hatte, wie sie von der Kraft überwältigt worden war. „Kannst du mir wirklich helfen, sie zu kontrollieren?“
„Ich kann dir den Weg zeigen“, sagte Eldric. „Den Rest musst du selbst gehen. Aber jetzt“, er blickte zum Dorf, wo die Lichter im zunehmenden Abendlicht heller wurden, „musst du zurück. Deine Mutter wird sich sorgen. Und Elda… Elda wird wissen, dass etwas geschehen ist.“
„Wirst du mitkommen?“, fragte Aurora, plötzlich widerstrebend, diesen rätselhaften Mann zu verlassen, der so viel zu wissen schien.
Eldric schüttelte leicht den Kopf. „Noch nicht. Es gibt Dinge, die ich vorbereiten muss. Aber wir werden uns wiedersehen, Aurora Sternentochter. Bald.“ Er benutzte dasselbe Wort wie der Mann in ihrer Vision, doch in seinem Mund klang es anders – nicht wie eine Drohung, sondern wie ein Versprechen.
Er zog die Kapuze wieder über sein silbernes Haar, trat einen Schritt zurück, in den Schatten der Bäume. „Geh jetzt. Und Aurora…“ Seine Stimme wurde sanfter, fast väterlich. „Die Netheryn ist weder gut noch böse. Sie ist wie Feuer – sie kann wärmen oder verbrennen.“
Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand zwischen den Bäumen, so lautlos, dass nicht einmal das Rascheln von Laub seine Schritte verriet. Aurora blieb allein zurück, am Rand des Waldes, das Dorf vor ihr, ein neues Wissen in ihr, eine neue Kraft, und neue Fragen, die drängender waren als je zuvor.
Sie atmete tief durch, sammelte ihre Gedanken, versuchte, die Erlebnisse dieses seltsamen Tages zu ordnen. Der Riss in der Eiche, der leuchtende Pfad, der Steinkreis, das Schattenwesen, der unkontrollierte Ausbruch der Netheryn, und nun Eldric – ein rätselhafter Fremder, der mehr über sie zu wissen schien als sie selbst.
Mit einem letzten Blick zurück in den Wald, wo Eldric verschwunden war, machte sich Aurora auf den Weg zum Dorf, zu ihrem Haus, zu ihrer Mutter. Fragen brannten in ihr, Fragen, die nach Antworten verlangten. Und das Kribbeln der Netheryn pulsierte leise unter ihrer Haut, wie ein lebendiges Versprechen einer Macht, die sie noch nicht verstand, aber zu kontrollieren lernen musste. Um ihretwillen. Um des Dorfes willen. Um der Welt willen.
Was ist in mir erwacht?, dachte sie. Und wohin wird es mich führen?

KAPITEL 4
ELDRICS LEHREN
Der Morgen nach Auroras Begegnung im Wald brach mit einer seltsamen Stille an. Kein Vogelgesang durchdrang die frühe Dämmerung, kein Wind bewegte die Blätter der Bäume, die starr und wartend am Fenster ihres Zimmers vorbeizogen wie Gemälde einer vergessenen Welt. Die Luft hing schwer und elektrisch, als ob ein Gewitter nahe wäre, doch der Himmel zeigte nur eine gleichmäßige Schicht aus perlgrauen Wolken, die das Licht diffus und schattenlos machten.
Aurora hatte kaum geschlafen. Die Ereignisse des vergangenen Tages – der leuchtende Pfad, der Steinkreis, das Schattenwesen und vor allem Eldric mit seinen silbernen Augen und rätselhaften Worten – kreisten in ihrem Kopf wie Nachtvögel, die keinen Ruheplatz fanden. Das Kribbeln der Netheryn war zu einem leisen Summen unter ihrer Haut abgeklungen, einer kaum wahrnehmbaren Vibration, die dennoch niemals vollständig verstummte.
Ihre Mutter hatte sie mit einer Mischung aus Wut und Erleichterung empfangen, als sie endlich nach Hause zurückgekehrt war, durchnässt und erschöpft. Einen Moment lang hatte Aurora befürchtet, dass Lyra ihr verbieten würde, das Haus je wieder zu verlassen, doch stattdessen hatte ihre Mutter sie nur still betrachtet, mit einem Blick, der tiefer ging als bloße Sorge.
„Du hast ihn getroffen“, hatte sie schließlich gesagt, keine Frage, sondern eine Feststellung.
Aurora hatte genickt, unsicher, wen ihre Mutter meinte – das Schattenwesen oder Eldric.
„Eldric“, hatte Lyra geantwortet, als hätte sie Auroras Gedanken gelesen. „Er bewegt sich wieder in der Welt. Das bedeutet, dass die Zeit knapper ist, als wir dachten.“
Mehr hatte Lyra nicht gesagt, hatte Aurora nur angewiesen, sich auszuruhen, und war verschwunden, vermutlich um mit Elda zu sprechen. Und nun, im grauen Licht dieses seltsamen, stillen Morgens, saß Aurora an ihrem Fenster und wartete – auf was, wusste sie nicht genau. Eine Erklärung. Eine Entscheidung. Eine Richtung.
Ein leises Klopfen an ihrer Tür ließ sie aufblicken. Lyra trat ein, ihr Gesicht war blass vor Erschöpfung, aber ihre Augen waren klar und entschieden.
„Er wartet im Wald“, sagte sie ohne Umschweife. „An der Stelle, wo die drei Eichen zusammenwachsen. Er will mit deiner Ausbildung beginnen.“
„Meine Ausbildung?“, fragte Aurora, obwohl sie bereits ahnte, worum es ging.
„Die Netheryn ist erwacht in dir, stärker als bei irgendjemand anderem seit Generationen“, antwortete Lyra. „Du brauchst Kontrolle, oder sie wird dich verzehren.“ Sie hielt inne, ein Schatten huschte über ihr Gesicht. „Eldric hat… Erfahrung mit solchen Dingen. Er kann dir beibringen, was ich nicht kann.“
Aurora spürte die unausgesprochenen Worte hinter denen ihrer Mutter, die verborgenen Bedenken, die Angst. „Vertraust du ihm?“, fragte sie leise.
Lyra lächelte, ein Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. „Ich vertraue seiner Notwendigkeit.“ Sie streckte die Hand aus, berührte Auroras Wange in einer seltenen Geste der Zärtlichkeit. „Sei vorsichtig mit dem, was er dich lehrt. Höre zu, lerne, aber behalte immer einen Teil von dir selbst. Die Netheryn ist ein Geschenk, Aurora, aber auch eine Last. Und Eldric…“ Sie brach ab, schüttelte leicht den Kopf. „Eldric trägt seine eigenen Lasten.“
Bevor Aurora weitere Fragen stellen konnte, wandte sich Lyra zur Tür. „Geh jetzt. Es ist nicht weise, ihn warten zu lassen.“
Die drei Eichen standen in einer kleinen Senke abseits der üblichen Pfade, ihre gewaltigen Stämme so nahe beieinander gewachsen, dass sie an manchen Stellen miteinander verschmolzen waren, als hätten sie sich in einem Jahrtausende währenden Tanz langsam umschlungen. Ihre Wurzeln bildeten ein Labyrinth aus knorrigen Ausbuchtungen und geschützten Nischen, bedeckt mit einem weichen Teppich aus Moos, der im gedämpften Licht wie grüner Samt schimmerte.
Eldric wartete dort, wie Lyra gesagt hatte, auf einem der Wurzelausläufer sitzend, so still, dass er beinahe Teil des Waldes selbst zu sein schien. Er trug den gleichen dunklen Mantel wie am Vortag, doch seine Kapuze war zurückgeschlagen, enthüllte sein silbernes Haar und das zeitlose Gesicht mit den scharfen, eleganten Zügen. In seinen Händen hielt er etwas, das im Halbdunkel leicht pulsierte – ein kleiner Kristall, ähnlich dem, den Aurora bei ihrem ersten Experiment benutzt hatte, doch klarer, reiner, ohne die Einschlüsse und Trübungen.
Als Aurora näherkam, blickte er auf, seine silbrigen Augen fanden die ihren mit einer Intensität, die sie an Ort und Stelle verharren ließ.
„Du bist gekommen“, sagte er, seine Stimme war tief und melodisch wie am Vortag, doch nun, im Licht des Tages, klang ein Unterton mit, den sie zuvor nicht bemerkt hatte – eine Müdigkeit, eine Last, die älter schien als Eldric selbst.
„Meine Mutter sagte, du würdest mich erwarten“, antwortete Aurora, unsicher, ob sie nähertreten sollte.
Eldric nickte leicht, eine fließende Bewegung, die an Wasser erinnerte. „Lyra war immer klug. Sie erkennt die Notwendigkeit, auch wenn sie ihr widerstrebt.“ Er stand auf, der Kristall in seiner Hand leuchtete heller, pulsierte im Rhythmus eines langsamen Herzschlags. „Du hast viele Fragen, Aurora Sternentochter. Ich habe nicht alle Antworten, aber die, die ich habe, teile ich mit dir.“
Aurora trat näher, ihre Neugier überwand ihre Vorsicht. „Was ist die Netheryn wirklich? Meine Mutter sagt, sie sei eine Kraft aus den Sternen, aber das erklärt nichts.“
Ein Lächeln huschte über Eldrics Gesicht, flüchtig wie ein Sonnenstrahl durch Wolken. „Direkt zum Kern der Sache. Gut.“ Er hielt den Kristall hoch, und das Licht, das davon ausging, verstärkte sich, bildete eine Kugel aus silbrigem Glanz um seine Hand. „Die Netheryn ist älter als die Welt, älter als die Sterne selbst. Sie ist das Licht, das war, bevor das erste Licht entzündet wurde. Die Essenz der Schöpfung, der Stoff, aus dem Realität gewebt ist.“
Er bewegte die Hand, und die Lichtkugel löste sich, schwebte zwischen ihnen wie eine kleine Sonne. Innerhalb des Lichts bildeten sich Muster, komplexe, ineinander verschlungene Linien, die Aurora an das Siegel im Tagebuch ihres Vaters erinnerten, doch lebendiger, fließender.
„In den Tagen der Eldara“, fuhr Eldric fort, und etwas in seiner Stimme veränderte sich, wurde tiefer, resonanter, als spräche er von persönlichen Erinnerungen statt von Geschichte, „nannten wir sie das Gewebe der Existenz. Wir lernten, ihre Muster zu lesen, ihre Ströme zu lenken, mit ihr und durch sie zu erschaffen.“
„Die Eldara“, echote Aurora, fasziniert von den tanzenden Lichtmustern. „Die goldene Stadt aus meiner Vision.“
Eldrics Augen flackerten, ein kurzer Schatten huschte über sein Gesicht. „Ja. Eldara – die Sternenwächter, die Erbauer, die Bewahrer des alten Wissens. Sie – wir – erschufen Wunder, von denen heute nur noch Legenden existieren.“
Aurora bemerkte den kurzen Versprecher, die Art, wie Eldric zwischen „sie“ und „wir“ gewechselt hatte, doch sie kommentierte es nicht. Stattdessen fragte sie: „Was geschah mit ihnen? In meiner Vision sah ich die Stadt fallen, sah die Türme zerbrechen unter einem Riss im Himmel.“
Die Lichtmuster veränderten sich, wurden dunkler, zeigten nun Bilder, die Auroras Vision ähnelten – eine prächtige Stadt, deren Türme zum Himmel ragten, und dann ein Riss, eine Dunkelheit, die hereinströmte, alles verschlang.
„Die Leere geschah“, sagte Eldric, seine Stimme war nun leiser, ein Flüstern voller alter Trauer. „Das Gegenstück zur Netheryn, die Abwesenheit, die Lücke zwischen den Sternen. Wo die Netheryn erschafft, zerstört die Leere. Wo die Netheryn verbindet, trennt die Leere.“ Er schloss kurz die Augen, als müsste er einen schmerzhaften Gedanken verdrängen. „Die Eldara… überschätzten ihre Fähigkeit, sie zu kontrollieren. Ein… Fehler öffnete einen Riss zwischen den Realitäten, und die Leere strömte herein.“
Aurora beobachtete, wie die Bilder im Licht verblassten, zurückkehrten zu den abstrakten, fließenden Mustern. „Und nun geschieht es wieder“, sagte sie, keine Frage, sondern eine Erkenntnis. „Die Risse werden größer, die Leere drängt herein.“
Eldric nickte, sein Blick forschend auf ihrem Gesicht. „Du siehst scharf für jemanden so jung. Ja, es geschieht wieder. Die Zyklen der Welt sind wie große Atemzüge – Expansion und Kontraktion, Leben und Tod, Licht und Schatten.“ Er ließ die Lichtquelle erlöschen, der Kristall in seiner Hand wurde wieder still. „Doch dieses Mal ist etwas anders. Die Netheryn erwacht in dir, Aurora, stärker und reiner als ich es seit… seit sehr langer Zeit gesehen habe.“
Er streckte die Hand aus, bot ihr den Kristall an. „Dies ist ein Fokus, reiner als der, den du benutzt hast. Er wird dir helfen, die Netheryn zu lenken, statt von ihr überwältigt zu werden.“
Aurora zögerte, erinnerte sich an die überwältigende Kraft, die sie bei ihrem ersten Versuch freigesetzt hatte, an die Art, wie sie die Kontrolle verloren hatte. „Was, wenn es wieder passiert? Wenn ich die Kontrolle verliere?“
„Darum sind wir hier“, sagte Eldric sanft. „Um das zu verhindern. Die Netheryn ist wie Feuer, Aurora – mächtig, transformativ, potentiell gefährlich. Aber ein Feuer im Herd wärmt ein Haus; nur ein unkontrolliertes Feuer verbrennt es bis auf die Grundmauern.“
Er nahm ihre Hand, legte den Kristall hinein. Der Stein fühlte sich warm an, lebendig, und sofort spürte Aurora, wie das Kribbeln unter ihrer Haut stärker wurde, antwortete auf die Präsenz des Kristalls wie ein Echo.
Der Kristall selbst war faszinierend – achteckig geschliffen mit spiralförmigen Einschlüssen, die wie eingefrorene Wirbel wirkten. Im Innern schien ein schwaches, pulsierendes Licht zu leben, das im Rhythmus mit Auroras eigenem Herzschlag schlug. Die Oberfläche war von feinen, kaum sichtbaren Linien durchzogen, die ein komplexes Muster bildeten – ähnlich dem Siegel aus ihres Vaters Tagebuch, aber subtiler, als wäre es eine ältere oder reinere Version.
Aurora konnte spüren, wie der Stein die Netheryn in ihr verstärkte und gleichzeitig bändigte, wie ein Filter, der das rohe Licht in geordnete Strahlen umwandelte.
„Die Grundlage aller Kontrolle ist Bewusstsein“, sagte Eldric, seine Stimme nahm einen lehrhaften Ton an. „Spüre die Netheryn in dir, nicht als eine fremde Kraft, sondern als Teil deiner selbst. Sie ist nicht getrennt von dir, Aurora. Sie ist in jedem Atemzug, jedem Herzschlag, jedem Gedanken.“
Aurora schloss die Augen, konzentrierte sich auf das Gefühl der Netheryn, das rhythmische Pulsieren, das durch ihren Körper floss. Es war anders als beim ersten Mal – nicht wild und überwältigend, sondern sanfter, gleichmäßiger, als hätte die Präsenz des Kristalls einen dämpfenden, fokussierenden Effekt.
„Gut“, murmelte Eldric, seine Stimme klang nun näher, intimer. „Visualisiere sie als einen Strom, der durch dich fließt, von deinem Zentrum bis in deine Fingerspitzen. Spüre seinen Rhythmus, seine Natur.“
Aurora folgte seinen Anweisungen, stellte sich die Netheryn als einen silbrigen Strom vor, der durch sie floss wie Wasser durch einen Fluss. Sie konnte seine Bewegungen spüren, seine Kurven und Wirbel, die Art, wie er sich mit ihrem eigenen Lebensrhythmus synchronisierte.
„Die Netheryn reagiert auf Intention“, fuhr Eldric fort. „Nicht auf Worte oder Gesten, sondern auf deinen tiefsten Willen. Stelle dir eine einfache Manifestation vor – ein Licht, ein kleiner Stern in deiner Hand. Sieh es, spüre es, wisse, dass es existieren kann.“
Aurora konzentrierte sich auf den Kristall in ihrer Hand, stellte sich vor, wie ein Teil des silbrigen Stroms sich dort sammelte, verdichtete, zu einem kleinen Lichtpunkt wurde. Das Kribbeln in ihren Fingern intensivierte sich, wurde zu einem warmen Pulsieren, das mit ihrem Herzschlag synchron war.
„Öffne deine Augen“, sagte Eldric leise.
Aurora gehorchte und sah, dass ein kleiner Lichtpunkt über dem Kristall schwebte, nicht größer als eine Erbse, aber perfekt geformt, ein winziger Stern, der silbrig in ihrer Handfläche glühte. Sie keuchte vor Überraschung, und für einen Moment flackerte das Licht, wurde unstabil, doch dann erinnerte sie sich an Eldrics Worte, konzentrierte sich wieder, und das Licht stabilisierte sich.
„Ich… ich habe es getan“, flüsterte sie, fasziniert von dem winzigen Stern in ihrer Hand.
„Ein bescheidener Anfang“, sagte Eldric, doch sein Ton war anerkennend. „Aber ja, du hast es getan. Kontrolliert, fokussiert, stabil.“
Das Licht warf weiche Schatten auf Auroras Gesicht, illuminierte ihre Augen, die nun im gleichen silbrigen Ton leuchteten wie der kleine Stern. „Es fühlt sich… richtig an“, sagte sie. „Natürlich, als hätte ich es immer gekonnt.“
„Die Netheryn ist Teil deines Erbes“, antwortete Eldric. „Sie fließt in deinem Blut, wie sie im Blut deines Vaters floss, und in dem deiner Vorfahren vor ihm. Die Linie der Sterngeborenen ist alt, Aurora, älter als du ahnst.“
Aurora blickte auf zu ihm, ihre Augen weiteten sich. „Die Sterngeborenen? Meine Mutter nannte mich Sternentochter – ist das mehr als ein Kosename?“
Ein seltsamer Ausdruck huschte über Eldrics Gesicht, eine Mischung aus Bedauern und etwas, das beinahe wie Schuld aussah. „Deine Mutter hütet viele Geheimnisse, manche, die selbst ich nicht kenne. Aber ja, es ist mehr als ein Name. Die Sterngeborenen waren eine Linie innerhalb der Eldara, Bewahrer bestimmter… Fähigkeiten. Verbindungen zur Netheryn, die tiefer gingen als bei anderen.“
Er deutete auf den kleinen Stern in ihrer Hand. „Du trägst dieses Erbe in dir. Es ist, warum die Netheryn in dir so stark fließt, warum sie dich erwählt hat.“
Aurora betrachtete das Licht in ihrer Hand, ein seltsames Gefühl breitete sich in ihr aus – Stolz, vermischt mit einer Ahnung von Verantwortung, von Schicksal. „Und du?“, fragte sie, blickte wieder zu Eldric. „Wer bist du wirklich? Woher weißt du all diese Dinge?“
Ein Schatten huschte über Eldrics Gesicht, schnell wie eine Wolke vor der Sonne. „Ich bin ein… Beobachter. Ein Wanderer zwischen den Welten. Einer, der zu viel gesehen hat und zu wenig getan.“
Es war keine wirkliche Antwort, und Aurora wusste es, doch etwas in Eldrics Ton ließ sie zögern, weiter zu fragen. Stattdessen konzentrierte sie sich wieder auf den Lichtpunkt in ihrer Hand. „Was kann ich noch tun? Mit der Netheryn, meine ich.“
Eldric schien erleichtert über den Themenwechsel. „Die Netheryn kann viele Formen annehmen. Licht ist die einfachste, reinste Manifestation, aber es gibt andere – Bewegung, Wärme, sogar Materie selbst kann beeinflusst werden, mit genügend Kontrolle und Übung.“
Er streckte die Hand aus, und ein neuer Lichtpunkt erschien über seiner Handfläche, größer als Auroras, komplexer, mit spiralförmigen Mustern, die in seinem Inneren tanzten. „Die Netheryn kann heilen“, fuhr er fort, während das Licht sich ausbreitete, sanft pulsierte wie ein lebendiges Herz. „Sie kann schützen, verbinden, verstärken. Aber sie kann auch… verändern.“
Bei den letzten Worten verdunkelte sich das Licht in seiner Hand, wurde intensiver, dichter, fast greifbar. Aus dem Augenwinkel glaubte Aurora zu sehen, wie Eldrics Augen sich ebenfalls verdunkelten, wie feine, schwarze Adern unter seiner Haut pulsierten, doch als sie direkt hinsah, war alles wieder normal.
„Die Kontrolle ist entscheidend“, sagte Eldric, und das Licht in seiner Hand kehrte zu seinem ursprünglichen, silbrigen Glanz zurück. „Emotionen – Furcht, Wut, Verzweiflung – können die Netheryn verzerren, sie gefährlich machen. Nicht nur für andere, sondern auch für dich selbst.“
Aurora dachte an ihren unkontrollierten Ausbruch im Steinkreis, an die überwältigende Kraft, die aus ihr herausgebrochen war, angetrieben von ihrer Furcht vor dem Schattenwesen. „Wie im Steinkreis“, murmelte sie.
„Ja“, bestätigte Eldric. „Ein Wandelnder Schatten – ein Bote der Leere. Sie spüren die Netheryn, werden von ihr angezogen wie Motten vom Licht.“ Seine Stimme wurde ernster. „Sie werden mehr werden, Aurora, je stärker deine Fähigkeiten wachsen. Die Leere… hungert nach dem Licht.“
Ein kalter Schauer lief Aurora über den Rücken. „Können sie mir schaden?“
„Sie können es versuchen“, antwortete Eldric. „Aber die Netheryn ist auch ein Schutz, wenn du sie richtig lenkst. Ich werde dir zeigen, wie du dich verteidigen kannst.“
Er ließ sein Licht erlöschen und stand auf, eine fließende Bewegung ohne sichtbare Anstrengung. „Aber nicht heute. Für den Anfang reicht es, wenn du lernst, die Netheryn zu spüren, zu fokussieren, zu kontrollieren.“ Er deutete auf den kleinen Stern in ihrer Hand, der noch immer stetig leuchtete. „Versuche, ihn zu halten, während du gehst. Spüre, wie er mit deinen Bewegungen interagiert, wie er auf deine Gedanken reagiert.“
Aurora stand auf, vorsichtig, um das Licht nicht zu stören. Es schwebte weiterhin über ihrer Handfläche, wackelte leicht mit ihren Bewegungen, stabilisierte sich dann wieder. Sie machte einen Schritt, dann einen weiteren, und das Licht folgte ihr, als wäre es an unsichtbaren Fäden mit ihr verbunden.
„Gut“, lobte Eldric. „Sehr gut für einen ersten Versuch.“ Etwas in seiner Stimme veränderte sich, wurde distanzierter, als würde sein Geist zu anderen Themen wandern. „Du hast eine natürliche Affinität zur Netheryn, Aurora. Stärker als…“ Er brach ab, schüttelte leicht den Kopf. „Stärker als erwartet.“
Aurora, noch immer fokussiert auf den kleinen Stern in ihrer Hand, bemerkte die Veränderung in Eldrics Ton. „Stärker als wer?“, fragte sie, blickte zu ihm auf.
Eldric hielt ihren Blick für einen langen Moment, dann wandte er sich ab, seine Augen richteten sich auf einen Punkt in der Ferne, den nur er sehen konnte. „Es gab andere“, sagte er leise. „Vor langer Zeit. Träger der Netheryn, wie du. Manche… missbrauchten ihre Gabe.“ Ein tiefer Schmerz lag in seinen Worten, eine alte Wunde, die nie wirklich geheilt war.
Aurora wollte nachfragen, doch etwas in Eldrics Haltung ließ sie zögern. Stattdessen konzentrierte sie sich wieder auf die Übung, ließ den kleinen Stern um ihre Hand kreisen, eine langsame, kontrolierte Bewegung, die ihr überraschend leicht fiel.
„Was ist mit meinem Vater?“, fragte sie nach einer Weile. „Hatte er die gleiche Verbindung zur Netheryn wie ich?“
Eldric drehte sich zu ihr um, sein Gesicht war wieder ruhig, kontrolliert. „Alaric hatte die Gabe, ja. Nicht so stark wie du, aber stark genug. Er erkannte die Zeichen, spürte die wachsende Bedrohung.“ Ein kurzes, trauriges Lächeln huschte über sein Gesicht. „Er war ein mutiger Mann, Aurora. Er wusste, was auf dem Spiel stand.“
„Das Siegel“, sagte Aurora, erinnerte sich an die Einträge im Tagebuch. „Er opferte sich, um es zu stärken. Um die Leere zurückzuhalten.“
Eldric nickte, sein Blick wurde intensiver. „Das Siegel der Sieben Sterne, das letzte seiner Art. Ein Konstrukt aus reiner Netheryn, erschaffen in den letzten Tagen der Eldara, um die Risse zu versiegeln, die Leere zu binden.“ Er machte eine Geste, und in der Luft zwischen ihnen erschien ein komplexes Muster aus Licht – sieben Punkte, verbunden durch verschlungene Linien, die sich in einem ständigen, langsamen Fluss bewegten. Es war das gleiche Muster, das Aurora im Tagebuch ihres Vaters gesehen hatte, nun lebendig, pulsierend mit Energie.
„Sechs der sieben Siegel sind bereits gebrochen“, fuhr Eldric fort, und während er sprach, erloschen sechs der Lichtpunkte, ließen nur einen zurück, der schwächer pulsierte als zuvor. „Dein Vater stärkte das letzte, band einen Teil seiner eigenen Essenz daran. Aber selbst das war nur ein Aufschub, keine Lösung.“
„Und nun bricht es wieder“, sagte Aurora, keine Frage, sondern eine Erkenntnis. Das Licht in ihrer Hand flackerte mit ihrer wachsenden Unruhe, und sie zwang sich zur Ruhe, fokussierte sich wieder, stabilisierte den kleinen Stern.
„Ja“, bestätigte Eldric. „Langsam, aber unaufhaltsam. Die Risse werden größer, die Grenzen dünner. Die Wandelnden Schatten sind nur die ersten Boten. Bald werden größere, mächtigere Manifestationen folgen.“
Ein kalter Knoten formte sich in Auroras Magen. „Und was können wir tun? Wie können wir es aufhalten?“
Eldric ließ das Bild des Siegels erlöschen, sein Gesicht wurde ernst, fast grimmig. „Das ist die Frage, nicht wahr? Die Antwort ist… komplex.“ Er trat näher, seine Präsenz wurde intensiver, fokussierter. „Die Netheryn in dir ist stark, Aurora. Stärker, als ich es seit Zeitaltern gesehen habe. Stark genug, um das Siegel zu erneuern – vielleicht. Aber dafür musst du lernen, sie vollständig zu kontrollieren.“
Aurora spürte die Schwere seiner Worte, die Last der Verantwortung, die er ihr auferlegte. „Und wenn ich es nicht kann?“, fragte sie leise. „Wenn ich nicht stark genug bin?“
Eldric sah sie lange an, sein Blick so tief, dass Aurora das Gefühl hatte, er könnte bis in ihre Seele sehen. „Du bist stark genug“, sagte er schließlich. „Stärker, als du weißt. Aber Kraft allein reicht nicht. Du brauchst Wissen, Kontrolle, Verständnis.“
Er wandte sich ab, deutete vage in Richtung Dorf. „Genug für heute. Der erste Schritt ist getan – du hast die Netheryn berührt, sie kontrolliert manifestiert. Halte den Fokus, bis du nach Hause kommst. Spüre, wie die Netheryn auf deine Umgebung reagiert, wie sie sich verändert, während du dich bewegst.“
Aurora nickte, noch immer unsicher, aber entschlossen, die Aufgabe zu erfüllen. Sie hielt den kleinen Stern stabil über ihrer Hand, konzentrierte sich auf sein Licht, auf die Wärme, die von ihm ausging. „Wann sehen wir uns wieder?“, fragte sie.
„Morgen“, antwortete Eldric. „Bei Sonnenaufgang, am gleichen Ort. Wir haben viel zu tun und wenig Zeit.“ Ein Schatten huschte über sein Gesicht. „Er wird dich auch suchen, Aurora. Der, den du in deiner Vision sahst. Der Zerbrochene.“
„Wer ist er?“, fragte Aurora, ein Schauer lief ihr über den Rücken bei der Erinnerung an das furchterregend schöne Gesicht mit den Augen wie Sternensplitter.
„Er hat viele Namen“, sagte Eldric leise. „Einst war er ein Gefährte, ein Bruder. Nun ist er… etwas anderes. Ein Gefäß der Leere, ein Werkzeug des Chaos.“ Seine Stimme sank zu einem Flüstern. „Er war wie ich. Ist wie ich. Ein Spiegel, der zerbrach.“
Bevor Aurora weitere Fragen stellen konnte, trat Eldric zurück in den Schatten der Eichen. „Bis morgen, Aurora Sternentochter. Halte das Licht lebendig.“
Mit diesen Worten verschwand er zwischen den Bäumen, so lautlos, wie er am Vortag verschwunden war, als wäre er nie dagewesen. Nur der kleine Kristall in Auroras Hand und der winzige Stern, der darüber schwebte, bewiesen, dass die Begegnung real gewesen war.
Aurora blieb noch einen Moment stehen, ließ Eldrics Worte in ihr nachhallen. Die Verantwortung, die er ihr auferlegt hatte, die Geschichte, die er erzählt hatte, die Geheimnisse, die er noch verbarg – es war überwältigend. Und doch spürte sie eine seltsame Entschlossenheit in sich wachsen, ein Wille, der mit der Netheryn in ihr zu resonieren schien.
Mit dem kleinen Stern noch immer stabil über ihrer Hand machte sie sich auf den Weg zurück zum Dorf, zu ihrem Haus, zu ihrer Mutter. Das Licht pulsierte im Rhythmus ihres Herzschlags, ein lebendiges Zeichen ihrer erwachenden Kraft, ihrer wachsenden Kontrolle. Mit jedem Schritt wurde Aurora sich der Netheryn bewusster, spürte, wie sie auf die Umgebung reagierte – stärker in der Nähe bestimmter Bäume, schwächer an anderen Stellen, als gäbe es ein unsichtbares Netzwerk, ein Geflecht aus Energie, das die Welt durchzog.
Als sie den Waldrand erreichte und die ersten Häuser von Mondbach sah, dämpfte sie instinktiv das Licht, ließ es zu einem kaum sichtbaren Schimmer werden, der nur jemand bemerken würde, der gezielt danach suchte. Es fühlte sich natürlich an, diese Kontrolle, als wäre es ein Muskel, den sie schon immer besessen hatte, aber erst jetzt zu benutzen lernte.
Auf dem Dorfplatz begegnete sie Gareth, dem Schmied, der sie mit hochgezogenen Brauen anschaute. „Guten Tag, Aurora. Noch einmal allein im Wald unterwegs?“
Aurora nickte und lächelte, hoffte, dass er den subtilen Schimmer in ihrer Hand nicht bemerken würde. „Nur ein kleiner Spaziergang.“
Gareth musterte sie, sein Blick verweilte einen Moment zu lange auf ihrer Hand, und Aurora fragte sich, ob er etwas sah. Doch dann zuckte er nur mit den Schultern. „Pass auf dich auf. In letzter Zeit sind seltsame Dinge im Wald beobachtet worden. Schatten, die sich bewegen, wo kein Licht ist.“
Ein kalter Schauer lief Aurora über den Rücken. „Was für Schatten?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits ahnte.
Gareth schüttelte den Kopf. „Nichts Greifbares. Einbildung, vielleicht. Oder schlechtes Licht.“ Er lächelte, doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht. „Aber es schadet nie, vorsichtig zu sein.“
Mit einem Nicken verabschiedete sich Aurora und setzte ihren Weg fort, ihr Herz schlug nun schneller. Die Wandelnden Schatten – Boten der Leere, wie Eldric sie genannt hatte. Sie wurden zahlreicher, kamen näher. Die Grenzen wurden dünner.
Als sie ihr Haus erreichte, hielt sie inne, betrachtete den kleinen Stern über ihrer Hand ein letztes Mal. Er hatte die ganze Strecke vom Wald bis hierher gehalten, stabil und kontrolliert. Eine kleine Leistung, aber ein Anfang. Ein Beweis, dass sie lernen konnte, die Netheryn zu beherrschen.
Mit einem tiefen Atemzug und einem Gedanken ließ Aurora das Licht erlöschen. Der Kristall in ihrer Hand wurde still, seine Energie schlummernd, wartend. Sie steckte ihn in die Tasche ihres Kleides und betrat das Haus, unsicher, was sie ihrer Mutter erzählen würde, welche Teile der Wahrheit sie teilen konnte.
Lyra saß am Tisch in der Küche, ihre Hände ruhten auf einer Karte, die vor ihr ausgebreitet lag – eine alte, vergilbte Karte der Gegend um Mondbach, die weit über die Grenzen hinausreichte, die Aurora kannte. Die Karte war mit seltsamen Symbolen markiert – spiralförmige Wirbel, die Netherynströme anzeigten; achteckige Sterne, die Orte starker Konzentration markierten; gewellte Linien in Schattierungen von Blau bis Schwarz, die die Dünne der Realität zu messen schienen; und vereinzelte Symbole, die wie gebrochene Kreise aussahen – die Risse zur Leere, vermutete Aurora. Am Rand der Karte lief eine feine, rotgoldene Linie entlang, die das Siegel der Sieben Sterne darstellte, sechs der sieben Punkte waren verblasst, nur einer leuchtete noch mit schwachem Glanz.
Als sie eintrat, blickte Lyra auf, ihr Gesicht war angespannt, besorgt.
„Er hat begonnen, dich zu unterrichten“, sagte sie, keine Frage, sondern eine Feststellung. Ihre Augen suchten Auroras, forschten nach Zeichen einer Veränderung.
Aurora nickte, zog den Kristall aus ihrer Tasche und legte ihn auf den Tisch. „Er hat mir geholfen, die Netheryn zu fokussieren, sie zu kontrollieren.“
Lyra betrachtete den Kristall, ohne ihn zu berühren. „Ein Fokus“, murmelte sie. „Er muss dir vertrauen, wenn er dir einen gibt.“
„Vertraust du mir nicht?“, fragte Aurora, ein Anflug von Bitterkeit in ihrer Stimme. „Oder vertraust du ihm nicht?“
Lyra seufzte, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Es ist kompliziert, Aurora. Eldric ist… er ist nicht, was er zu sein scheint.“
„Wer ist er dann?“, forderte Aurora. „Er spricht von den Eldara, als hätte er sie gekannt. Als wäre er einer von ihnen gewesen.“
Ein seltsamer Ausdruck huschte über Lyras Gesicht, eine Mischung aus Resignation und Furcht. „Vielleicht war er das“, sagte sie leise. „Eldric ist älter, als er aussieht. Älter, als irgendjemand vermuten würde.“
Aurora setzte sich ihrer Mutter gegenüber, der Kristall lag zwischen ihnen wie ein stummer Zeuge. „Er sagte, ich sei eine Sterngeborene. Dass unsere Linie alt ist, zurückreichend bis zu den Eldara.“
Lyra nickte langsam. „Das ist wahr. Die Linie deines Vaters… und meine eigene… beide tragen das Blut der Alten. Es ist, warum die Netheryn so stark in dir ist, warum sie dich erwählt hat.“ Sie streckte die Hand aus, berührte fast den Kristall, zog sich dann wieder zurück. „Es ist ein Geschenk und eine Bürde, Aurora. Eine, die ich gehofft hatte, von dir fernhalten zu können.“
„Warum?“, fragte Aurora. „Warum wolltest du mich in Unwissenheit lassen? Die Netheryn ist Teil von mir, war es immer. Hätte ich nicht das Recht gehabt, es zu wissen?“
Ein Schatten huschte über Lyras Gesicht. „Wissen bringt Verantwortung, Aurora. Und manchmal… manchmal bringt es Gefahr. Die Netheryn zieht die Aufmerksamkeit derer auf sich, die besser unbeachtet blieben.“
Sie tippte auf einen Punkt auf der Karte, ein Ort tief im Wald, markiert mit einem Symbol, das wie ein Stern mit einem Riss aussah. „Die Schatten werden zahlreicher. Sie bewegen sich, sammeln sich, bereiten sich vor.“
„Worauf?“, fragte Aurora, obwohl sie die Antwort bereits ahnte.
„Auf Ihn“, antwortete Lyra, und ihr Ton ließ keinen Zweifel, wen sie meinte – den Mann aus Auroras Vision, den mit den Augen wie Sternensplitter, den Eldric „den Zerbrochenen“ genannt hatte. „Er spürt die Netheryn, spürt dein Erwachen. Er wird kommen, Aurora. Und er wird alles tun, um dich zu finden, dich zu nutzen.“
Aurora dachte an das Wort, das er in ihrer Vision geformt hatte: „Bald.“ Ein Versprechen oder eine Drohung, vielleicht beides. „Was will er von mir?“
„Das Siegel brechen“, sagte Lyra. „Das letzte Hindernis entfernen, das die Leere noch zurückhält. Du bist… wichtig, Aurora. Auf eine Art, die du noch nicht vollständig verstehen kannst.“
Sie griff nach dem Amulett an ihrem Hals, dem violetten Stein, der in der Küche seltsam zu pulsieren schien. „Ich habe dich all die Jahre beschützt, so gut ich konnte. Aber nun… nun musst du lernen, dich selbst zu schützen. Und vielleicht… vielleicht musst du lernen, das zu tun, was dein Vater nicht konnte.“
Aurora fühlte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Das Siegel erneuern?“
Lyra nickte langsam. „Oder etwas anderes. Etwas, das noch niemand versucht hat.“ Sie hielt inne, lauschte auf ein Geräusch, das nur sie zu hören schien. „Die Zeit wird knapp, Aurora. Die Risse werden größer, die Leere drängt stärker. Eldric weiß das. Es ist, warum er zurückgekehrt ist, warum er dich unterrichtet.“
Sie faltete die Karte zusammen, ihre Bewegungen präzise, kontrolliert. „Lerne, was er dir beibringt. Aber vergiss nicht, dass jeder – selbst Eldric – seine eigenen Ziele verfolgt, seine eigene Version der Wahrheit.“
Aurora griff nach dem Kristall, spürte sein leichtes Pulsieren unter ihren Fingern. „Und was ist deine Version der Wahrheit, Mutter?“
Lyra blickte auf, ihre Augen trafen Auroras, violett auf violett, ein Echo über Generationen hinweg. „Meine Wahrheit ist einfach: Ich will, dass du lebst, Aurora. Dass du eine Chance hast, die dein Vater nicht hatte. Eine Wahl, die weder Eldric noch Er dir zugestehen würden.“
Sie stand auf, strich Aurora sanft über die Wange. „Ruhe dich aus. Die Netheryn-Übungen werden dich mehr erschöpft haben, als du jetzt spürst. Und morgen…“ Sie lächelte, ein trauriges, aber entschlossenes Lächeln. „Morgen beginnt dein wirkliches Training.“
Mit diesen Worten verließ Lyra die Küche, ließ Aurora allein mit dem Kristall und den Gedanken, die wie Strudel in ihrem Kopf wirbelten. Die Netheryn, die Sterngeborenen, Eldric und sein mysteriöser Gegenspieler, das Siegel und die drohende Leere – es war zu viel, zu schnell, zu überwältigend.
Aurora hielt den Kristall ans Licht, betrachtete, wie es in seinem Inneren brach, Regenbogen an die Wände warf. Ein Werkzeug, ein Fokus, hatte Eldric gesagt. Aber auch ein Symbol ihrer erwachenden Kraft, ihrer wachsenden Verantwortung.
Mit einem leisen Wort – „Netheryn“ – ließ sie einen winzigen Funken Licht im Herzen des Kristalls entstehen, einen Splitter ihres früheren Sterns. Es fühlte sich natürlich an, mühelos, als würde sie einfach einen Teil von sich selbst zum Ausdruck bringen, der immer da gewesen war.
Wer bin ich wirklich?, dachte sie. Und was soll ich werden?
Die Antwort kam nicht in Worten, sondern in einem Gefühl – einem Pulsieren der Netheryn unter ihrer Haut, einer Resonanz mit etwas Größerem, Älterem, etwas, das über sie selbst hinausging. Eine Verbindung, die gleichzeitig Freiheit und Verantwortung bedeutete.
Aurora schloss die Finger um den Kristall, spürte seinen stetigen Herzschlag gegen ihre Handfläche. Welchen Weg sie auch wählen würde, sie würde ihn nicht allein gehen. Die Netheryn war mit ihr, in ihr, ein Teil von ihr selbst, den sie erst jetzt zu entdecken begann.
Draußen zogen Wolken vor die Sonne, tauchten das Dorf in Schatten. Und in diesen Schatten, am Rand ihres Bewusstseins, an der Schwelle dessen, was sie wahrnehmen konnte, bewegte sich etwas – formlos, dunkel, wartend. Die Boten der Leere, die nach ihr suchten, nach dem Licht, das in ihr erwacht war.
Aurora starrte aus dem Fenster, in die wachsenden Schatten, und zum ersten Mal spürte sie nicht nur Furcht, sondern auch eine tiefe, ruhige Entschlossenheit. Was auch immer kommen mochte, sie würde bereit sein. Sie würde lernen, verstehen, wachsen.
Der kleine Lichtfunken im Herzen des Kristalls pulsierte stärker, resonierte mit ihrem Entschluss, ihrer wachsenden Stärke. Nicht aus Angst, sondern aus Entschlossenheit, nicht aus Verzweiflung, sondern aus Hoffnung.
Die Ausbildung hatte begonnen. Und mit ihr ein Weg, der sie weiter führen würde, als sie sich je hätte vorstellen können – in die Tiefen der Netheryn, in die Schatten der Vergangenheit, und vielleicht, wenn sie stark genug wäre, wenn sie weise genug würde, zu einer Zukunft jenseits der Dunkelheit, die am Horizont lauerte.